Als Kind habe ich mir vorgestellt, wie Autoren wohl leben: Sie haben ein Zimmer mit Blick auf Garten, See oder gar Meer, schreiben im Bademantel oder mitten in der Nacht, wann immer die Inspiration zuschlägt und wechseln bei Schreibblockade einfach für ein paar Monate die Location. Wie sich dieses Leben finanzierte, kam in meiner Vorstellung nicht vor.
Daneben das Gegenbild: der arme Poet mit selbstgedrehten Zigaretten und schlechtem Wein in einer kalten Dachgeschosswohnung, vom Kulturbetrieb zu Lebzeiten zuverlässig verkannt.
Heute weiß ich: Beide Bilder sind romantisierter Unsinn. Aber trotzdem weiß ich erstaunlich wenig darüber, was stattdessen stimmt.
Ich weiß, was ein Hardcover-Buch kostet, was ein Taschenbuch, was übliche Preise für Lesungen sind, aber nicht, was bei der anderen Seite davon ankommt. Vor zwei Wochen habe ich hier über Literaturpreise geschrieben und über den Scheck über zehn Euro. Das hat mich neugierig gemacht. Ich habe angefangen nachzuschauen: Was passiert eigentlich mit dem Geld in der Kultur? Wer bekommt was? Wer arbeitet für wenig oder gar nichts? Und wo greift der Staat sogar in Preise ein?

Bild: Carl Spitzweg “Der arme Poet” (1839)
2,24 €
Über Geld spricht man nicht. Caroline Wahl, eine junge, erfolgreiche Schriftstellerin, schon. Und sie irritiert dabei, weil sie viel verdient. In einem aktuellen Interview sagt sie: “Der Künstler, der nur für die brotlose Kunst lebt, den gibt es kaum.”
Der unabhängige mairisch Verlag hat öffentlich aufgeschlüsselt, wie sich ein Hardcover, das ca. 24 Euro kostet, aufteilt:
· Autorin: 2,24 €
· Verlag: 2,81 €
· Zwischenbuchhandel: 2,24 €
· Buchhandlung: 7,85 €
· Der Rest verteilt sich auf Lektorat & Korrektorat, Gestaltung & Satz, Druckerei und Buchbindung, Vertrieb & Lager, Presse & Werbung und Umsatzsteuer.
Überrascht hat mich, dass die Person, ohne die es das Buch nicht gäbe, genau so viel wie der Zwischenbuchhandel bekommt. Und weniger als ein Drittel dessen, was an die Buchhandlung geht.
Fairerweise: der Verlag trägt das Risiko am längsten: Druck, Lektorat, Marketing sind bezahlt, bevor ein einziges Exemplar verkauft ist. Und auch die 7,85 Euro der Buchhandlung sind genauso wenig Gewinn wie die 2,81 Euro des Verlags: davon werden Personal, Miete, Lager und all die anderen Kosten bezahlt.
Dazu kommt eine deutsche Besonderheit: die Buchpreisbindung. In Deutschland darf ein neues Buch überall nur zu dem einen Preis verkauft werden, den der Verlag festsetzt. Kein Rabatt bei Amazon, kein Sonderpreis im Supermarkt. Ein Roman kostet in Kiel genauso viel wie in München. Seit 2002 ist das ein Gesetz. Die Idee dahinter: Bücher gelten nicht nur als Ware; feste Preise sollen Buchhandlungen und Titelvielfalt schützen. Was die Preisbindung nicht festlegt, ist, wie viel davon beim Autor landet.

Bild: mairisch Verlag/Kurt-Wolff-Stiftung
29,2%
Und wie sieht es jenseits der Literatur aus? Fast ein Drittel der dauerhaften Museumsarbeit wird ehrenamtlich erledigt. Das Wort „dauerhaft“ ist dabei fast interessanter als das Wort „ehrenamtlich“.
Die Zahlen des Instituts für Museumsforschung zeigen Folgendes (die Kategorien können sich überschneiden):
„Knapp die Hälfte der Mitarbeitenden mit Daueraufgaben in Museen waren
fest angestellt (48,9%), jeder Vierte (26,3%) arbeitete in Teilzeit, jeder
Dritte (29,2%) im Ehrenamt.“
Das Ehrenamt ist in deutschen Museen offenbar nicht nur nettes Extra. Es ist Teil der Infrastruktur.
Und ehrlicherweise: ein Ehrenamt kann sich nur leisten, wer schon Geld hat. Ein unbezahltes Volontariat, eine Honorarstelle, ein Zweijahresvertrag – das sind keine Hürden, die für alle gleich hoch sind. Das sind Filter. Wer sich schlecht bezahlte Einstiegsjahre leisten kann, hat dabei einen Vorteil gegenüber allen, die sofort von ihrer Arbeit leben müssen.
102%
Pippi Langstrumpf kennen wir wohl alle. Pomperipossa kannte ich noch nicht. Von Astrid Lindgrens öffentlich-politischer Seite wusste ich zwar, aber nicht, dass sie Satire kann.
Ausgangspunkt war Lindgrens Empörung darüber, dass ihre Grenzbelastung aus Einkommensteuer und Sozialabgaben rechnerisch bei 102 Prozent lag. Genau daraus machte sie „Pomperipossa in Monismanien“.
Diese Satire wurde zu einem der großen Aufreger des Wahljahres 1976. Im Herbst verloren die Sozialdemokraten nach 44 Jahren die Regierungsmacht. Lindgren allein hat die Wahl natürlich nicht entschieden, aber Pomperipossa zeigte eindrücklich, dass eine Kinderbuchautorin eine Steuerdebatte erschüttern konnte.
Und da sag nochmal jemand, Literatur sei Freizeit…

Bild: Astrid Lindgren: Pomperipossa in Monismanien. Es ist ein Märchen. Sonderdruck aus der Zeitung Expressen. 1976.
500 Pfund
Eine Frau braucht 500 Pfund jährlich und ein Zimmer, dessen Tür mit einem Schloss ausgestattet ist, wenn sie ein fiktionales oder poetisches Werk schreiben will. So lauten, sinngemäß, die Forderungen aus dem berühmten Werk „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf.
Nicht Talent. Nicht Muse.
Geld und eine abschließbare Tür. Das war der eigentlich Skandal des Buches: dass sie so schnöde über Geld sprach, wo alle anderen über Genie sprachen.
Es stimmt also keines meiner zwei Kindheitsbilder. Kein Zimmer mit Meerblick ohne Geldfrage, und keinen verkannten Poeten in der Mansarde. Es gibt 2,24 Euro pro Buch, etwa ein Drittel unbezahlte Museumsarbeit und eine Kinderbuchautorin, die über 102 Prozent ein Märchen machte.
Es sollte nicht merkwürdig sein, dass Caroline Wahl über ihr Geld spricht.
Es ist merkwürdig, dass wir fast hundert Jahre nach Virginia Woolf immer noch überrascht sind, wenn eine Schriftstellerin sagt, dass Geld ihr ermöglicht, Schriftstellerin zu sein.
Weiterführendes & Inspiration
Und hier noch eine kleine Auswahl zum Thema „Künstlerleben“:
· Wenn du wissen willst, wie brutal Geld den Literaturbetrieb schon im 19. Jahrhundert beherrschte: Honoré de Balzac – Verlorene Illusionen (Der ultimative Klassiker über Aufstieg, Journalismus und den Ausverkauf der Kunst).
· Wenn du erfahren willst, wie aktuell um faire Bezahlung in der Praxis gerungen wird: WDR 3 Forum – Von der Kunst leben können: Honoraruntergrenzen in NRW.
· Wenn du einen Film sehen willst, der den Irrsinn und die Spekulation des millionenschweren Kunstmarkts entlarvt: Die Dokumentation The Price of Everything.
· Manche Weltliteratur entstand nur aus reiner Geldnot: Fjodor M. Dostojewski – Der Spieler (In nur 26 Tagen diktiert, um drohende Pfändungen und Spielschulden zu begleichen).
· Über das „Autor-Sein“ als disziplinierte Arbeits- und Lebensentscheidung: Haruki Murakami – Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede.
· Wie aus echter Geldnot am Küchentisch ein Weltbestseller wird: Stephen King – Das Leben und das Schreiben (Sehr ehrlich über Schecks für Kurzgeschichten, die die Stromrechnung retteten).
