Ich habe ihn als Kind im Fernsehen gesehen und nichts kapiert, aber war komplett von ihm fasziniert: Marcel Reich-Ranicki im “Literarischen Quartett”.
Er gestikuliert, widerspricht, lacht, urteilt, regt sich völlig auf — und das über Bücher. Im Fernsehen. Zur Primetime. Ich kannte damals nur Christine Nöstlinger. Ich wusste nicht, wer Grass war. Oder Walser. Oder warum diese Männer sich manchmal so streiten wegen eines Romans.
Aber ich wusste: Dem ist das wirklich wirklich wichtig. Das hat sich mir eingeprägt.
Seitdem frage ich mich: Wer bringt mich eigentlich zum Lesen? Und nicht nur mich, sondern uns alle? Vor allem in Zeiten, in denen wir kaum Muße finden und uns trotzdem ständig etwas empfohlen wird? Darum kreist diese #sonntagslese. Und um eine These, die mir über die Jahre immer wichtiger geworden ist: Es gibt einen Unterschied zwischen einer Empfehlung, die mich überrumpelt, und einer, die mir nur bestätigt, was ich ohnehin mag.
Drei Zeitungen, ein Buch
Ich war in der 9. Klasse. Meine Deutschlehrerin brachte uns Rezensionen aus drei verschiedenen Zeitungen mit: alle über dasselbe Buch. Das Ziel war doppelt: Sie wollte uns das Zeitunglesen näherbringen. Und sie wollte uns zeigen, wie man über Literatur spricht, wie man eine gute von einer schlechten Kritik unterscheidet.
Ich war sofort Feuer und Flamme.
An den Titel des Buchs erinnere ich mich nicht mehr. Aber an das Gefühl, diese Kritiken zu lesen und zu entdecken, was, vereinfacht gesagt, daran gut oder schlecht ist. Drei Menschen, dasselbe Buch, drei Urteile. Und plötzlich war nicht das Buch das Spannende, sondern der Streit darüber.
Das hat mich nicht mehr losgelassen. Noch heute lese ich Rezensionen mit großer Freude (am liebsten die von Jürgen Kaube, Andreas Platthaus und Adam Soboczynski). Drei Stimmen, bei denen ich auch dann etwas mitnehme, wenn ich das besprochene Buch nie lesen werde. Was mich als Kind festgehalten hat, war ja nicht die Belehrung. Es war das Schauspiel und die Lust am Urteil.
Diese Lust führt Denis Scheck in „Druckfrisch“ vor, wenn er die Bestsellerliste durchgeht: Ein Buch ist „ein Fall für die Tonne“ oder bekommt ein kurzes, präzises Lob. Gnadenlos und unterhaltsam zugleich. Genau die Mischung, die Bücher auf einmal wichtig erscheinen lässt.
Aber dieselbe Lust hat eine Kehrseite. Die Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy schrieb diesen Frühling einen offenen Brief an Scheck. Auslöser war sein Verriss ihres Buchs „Alt genug“, den er als „Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette“ abkanzelte. Elke Heidenreich fragte zugespitzt: Ist das noch Literaturkritik — oder schon gebührenfinanzierte Misogynie? Auch Sophie Passmann mischte sich ein.
Und ehrlich gesagt: Ich finde keine einfache Antwort.
Denn beides ist wahr. Das öffentliche, pointierte Urteil ist genau das, was mich an der Kritik fasziniert. Diese Bereitschaft, sich festzulegen, statt sich hinter „kann man so oder so sehen” zu verstecken. Und gleichzeitig ist die Frage berechtigt, wann ein Verriss aufhört, ein Urteil über ein Buch zu sein, und anfängt, eine Herabsetzung der Autorin zu werden.
Man muss das nicht auflösen. Diese Spannung hält Kritik lebendig: Schärfe braucht Freiheit. Und Würde braucht Grenzen.

Quelle: Patrick Tomasso / unsplash
Subjektivität ist kein Mangel
Wozu das Ganze überhaupt?
Eine gute Kritik versteckt ihr Urteil nicht. Sie begründet es. Das ist der Unterschied zu „fünf Sterne, hat mir gefallen”. Subjektivität ist hier kein Makel, den man wegmoderieren müsste. Erst wenn jemand sagt “ich finde” und dann “weil”, wird aus Geschmack ein Gespräch.
Und Kritik kann noch etwas anderes. Sie führt mich zu Dingen, die nicht mein eigenes Wohlfühlen bedienen, sondern das Feld öffnen. Bücher, auf die ich von allein nie gekommen wäre. Meinungen, die ich nicht teile. Kritik trainiert etwas, das wir gerade überall brauchen: begründet anderer Meinung sein. Kritiken zu lesen heißt, das Abwägen zu trainieren. Übrigens eine Fähigkeit, die man auch jenseits des Bücherregals ganz gut gebrauchen kann.
Wer hat eigentlich damit angefangen?
Diese Lust am begründeten Urteil ist nicht neu. Aristoteles fragte schon 335 v. Chr. in seiner Poetik, was eine Erzählung gut macht. Die moderne, öffentliche Literaturkritik beginnt 1759 mit Lessing und den Briefen, die neueste Literatur betreffend: Kritik nicht als Laune, sondern als Disziplin.
Im 19. Jahrhundert zog sie ins Feuilleton, mitten ins Gespräch der gebildeten Gesellschaft. Im 20. bekam sie ein Gesicht: Marcel Reich-Ranicki, viermal auf dem Spiegel-Titel, im Fernsehen zur Primetime: der letzte Literaturpapst. Mit ihm wurde Kritik zum Massenphänomen.
Früher saß einer im Fernsehen und Millionen hörten zu. Heute filmen Millionen ihre Bücherregale und empfehlen einander, was sie lieben.
Womit wir bei BookTok wären.

Quelle: KI-generiert mit Nano Banana
BookTok liest. Aber urteilt es auch?
Die ehrliche Antwort lautet erst einmal: Ja, ein bisschen schon.
2024 wurden in Deutschland mehr als 25 Millionen Bücher verkauft, die durch #BookTok beeinflusst waren. Für 2025 melden Branchenanalysen europaweit über 50 Millionen verkaufte #BookTok-Bücher und rund 800 Millionen Euro Umsatz — mit Deutschland als größtem Anteil. Zum Vergleich: Der gesamte deutsche Buchmarkt setzt im Jahr knapp 10 Milliarden Euro um.
Kurz: BookTok bringt Menschen zum Lesen. Das ist real, und das ist gut.
Ich mag diese zweiminütigen Videos auch. Sie stecken an, sie sind voller echter Begeisterung. Aber differenzierte Kritik braucht Ruhe und Raum. Ein Algorithmus, der mir zeigt, was mir gefallen wird, bestätigt vor allem, was mir ohnehin gefällt. Er verkauft mir Begeisterung. Und manchmal ist die gekauft. Ich will aber auch die Stimme, die Nein sagt. Keine werbefinanzierten Lobpreisungen.
Die Mischung macht es. Aber sie muss eine bewusste Mischung sein, keine zugespielte!
Mein kleiner Anti-Algorithmus
So kannst du dich selbst wieder überraschen:
Für die Ohren & den Feed
🎧 blauschwarzberlin: Der Literaturpodcast von Maria-Christina Piwowarski und Ludwig Lohmann. Wenn ich Literatur nicht nur empfohlen, sondern besprochen bekommen möchte..
🎧 Büchermarkt & Andruck (Deutschlandfunk): Meine täglichen/wöchentlichen Instanzen für verlässliche Rezensionen und politische Sachbücher.
📺 Das Literarische Quartett (ZDF): Weil für mich leidenschaftliche Diskussionen einfach dazugehören.
🎧 „Was liest du gerade?“: Die wunderbare Reihe der ZEIT für den Blick über Romane und Sachbücher.
🏆 Deutscher Buchpreis: wenn ich selbst urteilen will, bevor der Feuilleton-Konsens fertig ist. Der Preis steht exemplarisch für die Möglichkeit über Nominierungen tolle Entdeckungen zu machen.
Die wahren Helden: Lieblingsbuchhandlungen
Wenn ich mich absichtlich dem Zufall aussetzen möchte:
📍 Berlin: ocelot: wahrscheinlich neben Dussmann die bekannteste Buchhandlung der Hauptstadt
📍 Essen: Schmitz. Buchhandlung: ich bin Fan der Filiale in Essen-Werden
📍 Köln: M. Lengfeld’sche Buchhandlung: Eine absolute Institution, die es schon seit 1842 gibt.
📍 München: Die Autorenbuchhandlung: im Herzen Schwabings mit beeindruckender Auswahl
📍 Mannheim: Buch Bender: Gegründet 1775, ein Ort mit unschlagbarer Expertise.

Inspiration ist kein Empfang
Hier liegt für mich der Kern: Inspiration ist nichts, das einem zugestellt wird. Sie ist eine Tätigkeit. Man wird nicht inspiriert. Man inspiriert sich. Der Unterschied klingt klein, ist aber alles: Der Feed liefert. Das Stöbern fördert zutage. Das eine bestätigt mich, das andere überrascht mich.
Mein Lieblingsbeispiel: die Leseproben der Nominierten des Deutschen Buchpreises. Jedes Jahr gibt es zu den nominierten Titeln nicht nur die Liste, sondern echte Auszüge. Ich lese mich selbst hinein, ich urteile selbst, statt nur das fertige Urteil zu übernehmen. Das sind ein paar Minuten “Arbeit”. Und sie machen aus mir keine Konsumentin einer Empfehlung, sondern eine Leserin mit eigener Meinung.
Das ist der ganze Unterschied.
Eine Empfehlung sagt: Das könnte dir gefallen.
Eine Kritik sagt: Schau genauer hin.
Was Reich-Ranicki dem Kind vor dem Fernseher beigebracht hat, war nicht, welches Buch es lesen soll. Sondern dass es sich lohnt, hinzuschauen und zu urteilen.
BookTok ist großartig. Lieblingsquellen sind wichtig. Der Algorithmus darf mir etwas zuflüstern. All das ist Teil der Mischung, und ich möchte nichts davon missen.
Aber das Eigentliche passiert, wenn ich selbst losgehe. Ab in die Buchhandlung, eine Leseprobe in die Hand. Wenn ich mich von etwas überraschen lasse, das mir niemand zurechtgelegt hat.
Inspiration wartet nicht im Feed. Sie wartet zwischen den Regalen.
Auf das Stöbern!
Mich interessiert von Euch:
Wer oder was hat euch zuletzt zu einem Buch gebracht, das ihr von allein nie gewählt hättet? Und vor allem: welche Buchhandlung ist eure und wo muss ich auf meinem nächsten Kurztrip unbedingt vorbei?
Quellen & Weiterführendes
Aristoteles: Poetik (ca. 335 v. Chr.; dt. Erstübersetzung 1753).
Lessing, G. E. / Mendelssohn, M. / Nicolai, F. (Hrsg.): Briefe, die neueste Literatur betreffend, Berlin 1759.
