Montagabend, 29. Juni: ich sitze vor dem Fernseher und schaue das Sechzehntelfinale Deutschland gegen Paraguay. Kein besonders tolles Spiel. Bis zum Elfmeterschießen. Und das Ergebnis? Noch weniger toll. Das Turnier endet für die deutsche Elf vorzeitig. Für Paraguay war es einer der größten Coups der jüngeren WM-Geschichte: ein Außenseiter bezwingt den viermaligen Weltmeister. Für Deutschland war es die dritte WM-Enttäuschung in Folge.
Und während die Presse noch über Passquote und Aufstellung diskutiert, sind mir ein paar Texte nicht aus dem Kopf gegangen. Sie handeln von Siegen, die zu teuer werden. Von Niederlagen, die alle kommen sehen. Vom Weitermachen ohne Selbstbetrug.
Und von zwei Hochstaplern namens Triumph und Disaster.
Der Sieg, der keiner ist: Kleists Michael Kohlhaas
Wie man Recht bekommt und trotzdem alles verlieren kann, zeigt Heinrich von Kleist in Michael Kohlhaas (Info: Ich bin großer Kleist-Fan).
Zwei Pferde.
Michael Kohlhaas ist Pferdehändler. Ein Junker behält ihm widerrechtlich zwei Rappen ein. Kohlhaas will sein Recht. Kein Ruhm, keinen Aufstand, keine Weltgeschichte. Und am Ende bekommt er tatsächlich Recht.
Nur hat er bis dahin längst alles andere verloren. Aus dem rechtschaffenen Pferdehändler ist ein Gewalttäter geworden. Er hat seinen Kampf eskalieren lassen, Städte in Angst versetzt und Menschen in seinen persönlichen Krieg gezogen. Dass er in seiner ursprünglichen Sache am Ende tatsächlich recht bekommt, gehört zur bitteren Pointe der Novelle. Er gewinnt auf dem Papier — und verliert in der Sache.
Das ist der unbequemste Sieg: einer, der am Ende keiner mehr ist.
Plutarch legt König Pyrrhus nach einem teuer erkauften Erfolg über die Römer sinngemäß den Satz in den Mund: Noch ein solcher Sieg, und wir sind verloren.
Heute sehen Pyrrhussiege anders aus: die Verhandlung gewinnen und die Beziehung verlieren, recht behalten und das Vertrauen des Teams verspielen, das Quartalsziel erreichen und drei Menschen in die Erschöpfung treiben.
Kleists Kohlhaas ist eine über 200 Jahre alte Warnung davor, den Sieg mit der Sache zu verwechseln.
Was nützt dir ein Sieg, wenn danach niemand mehr mit dir arbeiten will?

Théodore Géricault: Pferdehändler/ Fünf Pferde an der Säule (1819)
Die Niederlage, die man kommen sieht: Christa Wolfs Kassandra
Christa Wolf erzählt in Kassandra den Untergang Trojas nicht aus der Sicht der Helden. Sie erzählt ihn aus der Sicht einer Frau, die den Untergang kommen sieht und der niemand glaubt.
Das ist Kassandras Fluch: sie hat recht und bleibt trotzdem machtlos. Alle reden vom Sieg. Kassandra sieht die Niederlage.
Kassandra ist nicht nur die Frau mit der düsteren Ahnung. Sie wird zur Figur für jedes System, das alles weiß und sich trotzdem weigert, Konsequenzen zu ziehen.
Jede Organisation hat ihre Kassandras: Menschen, die früh sagen, das geht so nicht weiter; die merken, die Stimmung kippt; die sehen, eine Strategie trägt nicht mehr. Und oft widerlegt diese Menschen niemand. Man überhört sie nur … bis plötzlich allen klar ist, dass diese “Kassandras” recht hatten.
Nur eben zu spät. Monate später steht ihre Warnung auf einer Folie mit dem Titel „Lessons Learned“.
Das ist die bitterste Niederlage: sie kommt nicht überraschend. Sie stand schon lange im Raum.

Evelyn de Morgan: Cassandra (1898)
Die Niederlage, die nicht endet: Camus’ Der Mythos des Sisyphos
Und dann ist da Camus. Sisyphos scheitert nicht einmal. Er scheitert für immer.
Er rollt den Stein den Berg hinauf, der Stein rollt wieder hinunter, er beginnt von vorn. Keine Pointe, keine Erlösung, kein Finale, kein Moment, in dem jemand sagt: Jetzt hat sich alles gelohnt.
Und trotzdem schreibt Camus diesen berühmten Satz:
“Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.”
Das ist kein Kalenderspruch, eher eine Zumutung.
Camus sagt nicht, alles werde gut, oder jede Niederlage habe einen Sinn. Zum Glück nicht, denn nicht jede Niederlage adelt einen. Manche machen nur müde, manche bitter, manche zeigen einem nicht den Weg, sondern nur die Wand.
Ich misstraue dem schnellen Satz “Aus jeder Niederlage lernt man”. Nein: Aus manchen lernt man gar nichts, außer dass es wehgetan hat.
Camus interessiert der Moment, in dem Sisyphos wieder den Berg hinuntergeht. Der Stein liegt unten. Niemand applaudiert. Und er weiß: morgen wieder von vorne. Sisyphos macht weiter, ohne sich selbst zu belügen.
Das ist etwas anderes als Optimismus. Es ist Nüchternheit mit Rückgrat.

“Morgen wieder” (selbst erstellte Collage aus Bildern von Melvin, Buddy AN, Bogdan Karlenko, Pavel Neznanov von unsplash)
Der Triumph, der lügt: Kiplings If—
Am selben 29. Juni, an dem Deutschland gegen Paraguay ausschied, begann in London Wimbledon.
Wer dort den Centre Court betritt, geht unter zwei Zeilen aus Rudyard Kiplings Gedicht If— hindurch:
If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors just the same.
Ausgerechnet vor dem prestigeträchtigsten Match des Lebens kommt also diese Warnung: Triumph und Katastrophe! Beides Hochstapler, die über die eigentliche Lage täuschen.
Die vierfache Ironman-Weltmeisterin Chrissie Wellington hat das Gedicht sogar in ihre Rennrituale eingebaut.
Was Kipling meint, ist kein Gleichmut aus Erschöpfung, sondern eine Warnung vor der Verzerrung, die beide Zustände mit sich bringen. Der Sieg lässt einen glauben, man sei am Ziel. Die Niederlage lässt einen glauben, man sei am Ende. Beides ist meistens falsch.
Liegt hier das Problem des deutschen Fußballs verborgen? Nach 2014 hielt man lange an einer Geschichte fest, in der Vergangenheit noch Gegenwart war. Nach den WM-Aus 2018, 2022 und nun 2026 droht die Gegenbewegung: alles falsch, alles kaputt, alles neu.
Kipling würde vermutlich beiden Erzählungen misstrauen:
Schau auf das Spiel.
Nicht auf die Legende, die du daraus machst.
Was ein Ergebnis nicht erzählt
Erzählung: dass Erfahrung und Geschichte am Ende reichen, komme, was wolle.
Diese Erzählung stand schon vor dem Elfmeterschießen auf wackligen Beinen. Und drei enttäuschende Weltmeisterschaften in Folge sind keine Momentaufnahme mehr, sondern ein Befund.
Aber genau hier treffen sich die vier Texte.
Kohlhaas: Nicht jeder Sieg ist ein Gewinn.
Kassandra: Nicht jede Niederlage überrascht.
Camus: Nicht jedes Scheitern lehrt.
Kipling: Nicht jedes Ergebnis sagt die Wahrheit.
Eine Niederlage ist ein Ereignis.
Scheitern ist die Geschichte, die wir danach daraus machen.

Weiterdenken, Weiterschauen & Weiterhören
Wenn du nur eins lesen willst: Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas (1810). Kurz, kompromisslos, von großer Aktualität (Das Buch wurde auch verfilmt. Ich kenne den Film nicht, aber Mads Mikkelsen hat die Hauptrolle: z.B hier schauen)
Wenn du die Niederlage kommen sehen willst: Christa Wolf, Kassandra (1983). Eine wunderschöne illustrierte Ausgabe gibt es hier. Danach empfehlen sich ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die parallel dazu entstanden.
Wenn du philosophisch werden willst: Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos (1942). Schmal, aber nicht schnell zu lesen. Es lohnt sich, ihn langsam zu lesen.
Wenn du vier Strophen willst, die bleiben: Rudyard Kipling, If— (1910). Ein einziges Gedicht, vier Strophen, seit Jahrzehnten am Eingang zum Centre Court in Wimbledon zu lesen.
Wenn du das Ganze auf die Arbeitswelt übertragen willst: Sarah Lewis, The Rise: Creativity, the Gift of Failure, and the Search for Mastery . Warum Exzellenz selten über gerade Linien entsteht.
Doku-Serie: Die Stärke des Verlierens (Netflix, Originaltitel Losers, seit 2019, 8 Folgen). Acht wahre Geschichten von Sportler, die immer wieder verloren haben und daraus Stärke gezogen haben. Der deutsche Titel ist Programm.
Doku-Serie: Sunderland ‘Til I Die (Netflix, seit 2018). Ein englischer Fußballverein im freien Fall, eine Stadt, die trotzdem zuschaut. Der seltene Fall einer Sportdoku, die selbst zum Erfolg wurde, obwohl das porträtierte Team verlor.
Film: Invictus - Unbezwungen (2009, Regie: Clint Eastwood, mit Morgan Freeman und Matt Damon) — über Rugby, Versöhnung und einen Sieg, der weit mehr bedeutet als ein Ergebnis.
Podcast: Das WM-Update (Sportschau) — der tägliche Fußball-Podcast, der auch die Aufarbeitung des Paraguay-Spiels ausführlich einordnet, wenn du tiefer in die Fußball-Seite dieser Geschichte willst.

