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Irmgard Keun war schon einmal für tot erklärt worden.

Dabei war sie quicklebendig. Nur eben auf der Flucht. 1933 hatten die Nationalsozialisten ihre Bücher verboten. Drei Jahre später ging sie ins Exil. Dort schrieb sie weiter, bis 1940 der britische Daily Telegraph meldete, sie habe sich das Leben genommen. Eine Falschmeldung, denn Keun lebte und kehrte noch im selben Jahr mit falschen Papieren unter anderen Namen heimlich nach Deutschland zurück. Die Nachricht von ihrem angeblichen Tod dürfte ihr dabei geholfen haben, unentdeckt zu bleiben.

Jahrzehnte später war sie wieder verschwunden. Diesmal ohne Zeitungsente, ohne Todesmeldung, ohne jemanden, der darüber gesprochen hätte.

Ihre Bücher wurden einfach nicht mehr gelesen.

Obwohl sie Anfang der Dreißigerjahre zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen gehört hatte.

Heute ist Allerheiligen. Ein Tag, an dem wir der Heiligen gedenken, ausdrücklich auch jener, deren Namen niemand mehr kennt. Dieser Anlass lässt mich fragen: Wie verschwinden eigentlich Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus unserem Gedächtnis? Und vor allem: wer holt sie wieder zurück?

Ein zweites Mal verschwunden

Keun war 1931 mit „Gilgi, eine von uns”* bekannt geworden und 1932 mit „Das kunstseidene Mädchen”* richtig berühmt. Die jungen Frauen in ihren Büchern erzählen selbst, was sie erleben, was sie wollen und was sie von der Welt halten. Ohne Entschuldigung, mit viel Witz und hellwachem Geist.

Nach dem Krieg blieben ihre früheren Erfolge jedoch aus. 1966 wurde sie entmündigt und verbrachte sechs Jahre in einer psychiatrischen Klinik in Bonn.

Der Journalist Jürgen Serke* hatte die großartige Idee nach Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu suchen, deren Bücher von den Nationalsozialisten verbrannt oder verboten wurden. Er fand Walter Mehring in Zürich, Claire Goll in Paris und Irmgard Keun in Bonn. So tauchte also ihr Name 1977 wieder auf.

Das sorgte für neue Aufmerksamkeit. Auch die feministische Literaturkritik entdeckte Keun neu. Ihre selbstbewussten, unangepassten Frauenfiguren, die sich schon in den Dreißigerjahren gegen traditionelle Rollenbilder stemmten, waren in der zweiten Welle der Frauenbewegung wieder hochaktuell. (Hier eine Kostprobe aus „Gilgi“: „Alle drei essen Brötchen mit guter Butter. Herr Kron isst als Einziger ein Ei. Dieses Ei ist mehr als Nahrung. Es ist Symbol. Eine Konzession an die männliche Überlegenheit. Ein Monarchenattribut, eine Art Reichsapfel“)

Ihre Bücher wurden neu aufgelegt, sie gab Interviews und wurde erneut gelesen. Keun erlebte das noch. Sie starb 1982 in Köln.

Ich werde Irmgard Keun bestimmt nicht vergessen. Bild: privat

Vierzig Jahre Anlauf

Ungefähr zur selben Zeit wie Keuns erste Romane erschien „Käsebier erobert den Kurfürstendamm”* von Gabriele Tergit.

Eine herrliche Satire über einen mittelmäßigen Volkssänger, den die Berliner Presse erst zum Star macht und dann fallen lässt (Wer also glaubt, Hypes und ihre Halbwertszeit sind Erfindungen von Social Media, sollte diesen Roman lesen).

Auch Tergit musste 1933 fliehen. Ab 1938 lebte sie in London, wo sie -wie Keun- 1982 starb.

Besonders interessant finde ich, was mit Tergits Büchern geschah.

Für eine Neuausgabe von „Käsebier erobert den Kurfürstendamm” hatte sie selbst 1976 den Text überarbeitet. Im Original begrüßten sich die Journalisten unter anderem mit „Heil und Sieg und fette Beute”. In der späteren Fassung war diese Stelle entschärft.

Die Neuauflage brachte dem Buch jedoch keinen dauerhaften Erfolg. 2004 erschien wieder die ursprüngliche Version. Und 2016 brachte der Schöffling Verlag den Roman erneut heraus und verschaffte ihm neue Aufmerksamkeit.

Noch erstaunlicher ist die Geschichte ihre Familienromans „Effingers”* mit fast 900 Seiten über mehrere Generationen einer deutsch-jüdischen Familie (unbedingt lesen! vielleicht sind lange dunkle Winterabende geeignet?!). Tergit hatte rund zwanzig Jahre daran gearbeitet. Als das Buch 1951 erschien, wollte es kaum eine Buchhandlung ins Sortiment nehmen.

Fast siebzig Jahre später, 2019, erscheint eine Neuausgabe mit einem Nachwort von Nicole Henneberg, die sich intensiv mit Tergits Werk beschäftigt hatte. Die Literaturkritik ist begeistert. Der Roman wird zum Bestseller - von einem Jahrhundertroman ist die Rede…

Und das macht mich wirklich nachdenklich: da schreibt eine Frau jahrzehntelang an einem Roman, finde kaum Leser und erlebt auch ihren großen Erfolg nicht mehr. Erst eine Literaturwissenschaftlerin und ein Verlag sorgen schließlich dafür, dass das Buch die fehlende Aufmerksamkeit erhält.

Was macht ein Buch eigentlich lesenswert? Sein Inhalt? Der Zeitpunkt? Die Menschen, die uns davon erzählen und es einordnen?

Am Text allein kann es jedenfalls nicht liegen. „Effingers” war 1951 schon derselbe großartige Roman, der dann 2019 gefeiert wurde. Die Leser hatten sich jedoch verändert.

Ob ich ein Tergit-Fan bin? Bild: privat

Die literarischen Lebensretter

Bleibt die Frage, wer solche Wiederentdeckungen überhaupt möglich macht.

2014 gründete Albert C. Eibl als junger Germanistikstudent in Wien den Verlag Das vergessene Buch. Den Anfang machte er mit „Die Vergiftung“* von Maria Lazar, einer österreichisch-jüdischen Schriftstellerin, deren Werk weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden war. Eibl war zufällig in einer Univorlesung auf sie gestoßen.

Aus dieser Zufallsbegegnung entstand ein ganzes Verlagsprogramm. Bücher, die jahrzehntelang niemand gedruckt hatte, wurden wieder zugänglich. Auch bisher unveröffentlichte Texte von Lazar kamen ans Licht.

In Berlin machte Britta Jörgs seit 1997 mit ihrem AvivA Verlag etwas Ähnliches. Sie veröffentlicht vergessene und vernachlässigte Literatur, besonders von Frauen, darunter viele jüdische Autorinnen. 2024 erhielt ihr Verlag den Kurt-Wolff Preis.

Ich finde diese Arbeit bemerkenswert.

Wir sprechen gerne über Bestseller, Preise und Verkaufszahlen. Aber wie oft sprechen wir über die Menschen, die dafür sorgen, dass Bücher überhaupt noch erhältlich sind?

Über diejenigen, die Nachlässe durchforsten, Texte neu herausgeben, Druckkosten tragen und hoffen, dass sich genügend Leserinnen und Leser finden?

Vergessen geht von allein

Keun und Tergit haben ein großes Comeback. Ihre Bücher stehen wieder in den Buchhandlungen. Für mich ist das großes Glück, aber keineswegs selbstverständlich.

Zwischen einem vergessenen und einem wiederentdeckten Buch liegen manchmal Jahrzehnte. Und manchmal braucht es nur einen Menschen, der sich dafür interessiert und andere mit seiner Begeisterung ansteckt.

Ich mag die Vorstellung, dass wir als Leserinnen und Leser ein kleiner Teil davon sein können, indem wir auch einmal zu einem Buch greifen, das uns niemand in den Bestsellerlisten empfiehlt - und es anschließend weiterreichen.

Was sind Eure Geheimtipps? Verratet es mir bitte. Ich suche genau solche Titel.

Bis nächsten Sonntag!
Liebe Grüße
Sabrina

Drei Bücher, die jemand gerettet hat

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Vicki Baum Pariser Platz 13*

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