Am Pool, zweite Reihe: Eine Frau legt ihr Buch weg, als der Kellner kommt. Cover nach unten. Zwei Liegen weiter liegt ein dickes Sachbuch, Cover nach oben, den ganzen Nachmittag und abends wandert es mit an den Esstisch.
Im Sommer sehe ich das ständig, weil Bücher plötzlich öffentlich herumliegen: am Pool, im Zug, im Café. Und ich linse. Natürlich linse ich…
Meine völlig unwissenschaftliche Beobachtung: Das dicke Sachbuch liegt meistens neben einem Mann, mit dem Titel nach oben. Der Schmöker liegt neben einer Frau und verschwindet schneller in der Tasche.
Warum fühlt sich manches Lesen vorzeigbarer an als anderes?

Bild: Victoria Dokukina (unsplash)
Sie liest Zitronen. Er liest Krieg.
Wir glauben gern, unser Urteil über ein Buch beginne beim Lesen. Tatsächlich haben wir meistens längst geurteilt, bevor wir die erste Seite gelesen haben.
Bevor ein Buch irgendetwas erzählt, erzählt sein Umschlag. Pastellgelb, Zitronen, geschwungene Schrift. Oder mattschwarz, strenge Serifen, ein Panzer im Gegenlicht.
Beides sagt nichts über die Qualität des Textes. Beides sagt aber sehr viel darüber, für wen das Buch gedacht ist und wie ernst wir es nehmen sollen.
Diese Bildsprache ist keine Naturgewalt, sie wird gemacht.
Als Joanne Rowling ihren ersten Roman verkaufte, riet ihr der Verlag zu Initialen: Jungen würden ein Buch nicht anfassen, auf dem ein Frauenname steht. Geändert wurde nicht der Text, sondern die Verpackung. Bis hinunter zum Namen der Autorin.
Dasselbe Buch, anderes Urteil
2013 hat die Autorin Maureen Johnson daraus ein Experiment gemacht. Auslöser waren Nachrichten von Männern, die wissen wollten, ob es ihre Romane nicht auch mit weniger mädchenhaften Umschlägen gäbe.
Denn dann würden sie sie lesen.
Also stellte sie ihren Followern eine Aufgabe: Nehmt ein bekanntes Buch und gestaltet das Cover neu! So, als wäre es von einem Menschen des anderen Geschlechts geschrieben worden.
#Coverflip
Es kamen Hunderte Entwürfe, und die Wirkung ist verblüffend, weil man sie an sich selbst beobachten kann. Derselbe Roman sieht in der einen Fassung nach Literaturpreis aus und in der anderen nach Strandtasche. In den Entwürfen bekommen Männerklassiker plötzlich verspielte Schreibschrift, Bücher von Frauen gedeckte Farben. Und prompt wirkt das eine belangloser, das andere bedeutender.
Am Text hat sich kein einziges Wort geändert.
Das ist die Stelle, an der ich mich beim Linsen ertappt fühle. Ich beurteile am Pool nicht das Buch. Ich beurteile eine Verpackungsentscheidung… getroffen von Leuten, die den Text nicht geschrieben haben.

Bildcollage #coverflip von Mellie Ryan und Hilde Kuyper
Wir brauchen Schubladen. Aber keine Rangordnung.
Kategorien sind praktisch. Niemand will im Buchladen jedes Buch aufschlagen. Genre, Gestaltung und Klappentext helfen uns bei der Auswahl.
Das Problem beginnt dort, wo aus Orientierung eine Rangfolge wird.
Thriller: weniger wert. Romance: seicht. Sachbuch: ernsthaft. Gedecktes Hardcover: vermutlich klüger als ich.
Und wir übernehmen diese Rangfolge so gründlich, dass sie mitentscheidet, was wir öffentlich herumliegen lassen.
Wie beweglich sie ist, sieht man an Jane Austen. In „Die Abtei von Northanger” macht sie sich über genau die Formel lustig, mit der Leserinnen ihre eigene Lektüre klein redeten: “Ach, es ist ja nur ein Roman.” Heute steht sie im Kanon! Und das „nur” gilt inzwischen anderen Büchern.
Und wenn es einfach Spaß macht?
Gute Unterhaltung muss nicht heimlich Hochliteratur sein, damit wir sie ernst nehmen dürfen. Das wäre schon wieder eine Rechtfertigung. Und Rechtfertigungen setzen voraus, dass man sich verteidigen muss.
Lesen muss seinen Wert überhaupt nicht dauernd beweisen.
Manche Bücher fordern uns. Manche verändern, wie wir denken. Manche ziehen uns für vier Stunden aus der Welt. Manche tun alles gleichzeitig.
Und im August darf die Antwort auf die Frage, warum du das liest, was du liest, ziemlich kurz ausfallen: weil ich Lust darauf habe.
Drei Autoren, drei Verbote
Kafka wollte keinen Käfer: Für „Die Verwandlung” sollte das Insekt ausdrücklich nicht auf dem Umschlag erscheinen. Spannend daran ist weniger das Verbot als die Frage dahinter: Wie viel soll ein Cover eigentlich schon verraten? Und wie viel Vorstellung dem Lesen überlassen?
Nabokov wollte keine Lolita: Er wünschte sich Landschaft, Straße, Licht — ausdrücklich kein Mädchen auf dem Cover. Viele spätere Ausgaben machten genau das Gegenteil. Ein schönes Beispiel dafür, dass ein Umschlag nicht nur verkauft, sondern manchmal sogar bestimmt, wie wir einen Text sehen.
Salinger wollte gar nichts: Keine Illustration, kein Lob auf dem Umschlag, keine Biografie. Nur Titel und Name. Ausgerechnet die Verweigerung von Verpackung wurde dadurch selbst zur unverwechselbaren Verpackung.

Bild: Collage der Cover nach den Wünschen der Autoren
Zum Schluss
Und dann gibt es noch die 25 „Schönsten Deutschen Bücher”, die jedes Jahr genau dafür ausgezeichnet werden: für Gestaltung, Typografie und Verarbeitung. Hier also ist die angenehmste Pointe an der ganzen Sache: Bücher dürfen mehr sein als ihr Cover. (Am 04. September ist Preisverleihung!)
Der Sommer ist bald vorbei. Für die letzten Tage hätte ich nur einen Vorschlag: Cover nach oben. Bücher dürfen klug sein, leicht sein, schwierig sein und manchmal einfach schön.
Noch ein 17-Minuten-Tipp:
Für den perfekten Blick hinter die Kulissen empfehle ich den genial-humorvollen TED-Talk von Buchgestalter Chip Kidd („Designing books is no laughing matter. OK, it is.“), der auf den Punkt zeigt, wie ein Umschlag unsere Wahrnehmung lenkt, noch bevor wir das erste Wort gelesen haben.
