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Ich bin auf Seite 40 eingeschlafen. Wieder.

Diesmal auf dem Balkon. Ein Buch in der Hand, drei, vier Seiten geschafft und zack: dann war ich weg. Als ich aufwachte, lag das Buch auf dem Boden, die Seite war verknackt und ich wusste nicht mehr, wer gerade gesprochen hatte.

Jahrelang habe ich mich dafür fast entschuldigt. Wieder nur ein Kapitel geschafft. Wieder eingenickt, kaum dass es interessant wurde.

Bis ich gemerkt habe: ich bin in ziemlich guter Gesellschaft.

Der längste Roman der Welt beginnt mit dem Einschlafen

“Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.” So fängt er an: Der wohl berühmteste Romanzyklus der Weltliteratur, gut 4.000 Seiten, sieben Bände: Marcel Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”.

Kein Paukenschlag, kein großes Ereignis. Ein Mann im Bett, irgendwo zwischen Wachsein und Traum, der nicht mehr genau weiß, ob er gerade das Buch ist, das er vorher gelesen hat, oder die Kirche, von der darin die Rede war, oder die Rivalität zweier Könige aus dem 16. Jahrhundert. Schon auf den ersten Seiten verschwimmen Lesen und Schlaf, Gegenwart und Erinnerung, Ich und Geschichte. Später werden daraus Combray, die berühmte Madeleine und das langsame Wiederauftauchen einer verlorenen Kindheit.

Proust hat das Einschlafen beim Lesen nicht aus seinem Meisterwerk herausgehalten. Er hat es zum Ausgangspunkt gemacht. Dieses Dazwischen, nicht ganz wach, nicht ganz weg. wird bei Proust zu einem Raum, in dem Erinnerung plötzlich wieder auftauchen kann.

Dieser Zustand hat übrigens einen Namen: Hypnagogie. Der kurze Übergang zwischen Wachsein und Schlaf, in dem Gedanken lockerer werden und überraschende Verbindungen entstehen können. Salvador Dalí versuchte, genau darin zu arbeiten: Er hielt beim Mittagsschlaf einen Schlüssel über einen umgedrehten Teller. Sobald er wegdöste, öffnete sich seine Hand, der Schlüssel fiel, das Klappern weckte ihn — und er hatte ein paar Sekunden Zugriff auf das, was ihm gerade durch den Kopf gegangen war. Auch Thomas Edison soll Ähnliches getan haben, mit Stahlkugeln in der Hand über einer Blechschale. Eine Pariser Forschungsgruppe hat das Prinzip 2021 sogar im Labor nachgestellt: Wer beim Nachdenken über ein Problem für ein paar Sekunden in diesen ersten Schlafmoment kippte, fand die Lösung deutlich häufiger als alle, die wach blieben.

Wenn also der längste Roman der Weltliteratur mit einem Mann beginnt, der nicht mehr weiß, wo das Buch aufhört und der Schlaf anfängt: Warum sollte ich mich für Seite 40 rechtfertigen?

KI-generiertes Bild mit Nano Banana

Erst die Muße. Dann der Betrieb.

Es gibt ein Wort, das mir seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Kopf geht: negotium. Lateinisch für Geschäft, Arbeit, Betrieb. Es hängt mit nec otium zusammen: Nicht-Muße.

Allein diese sprachliche Reihenfolge gefällt mir. Erst ist da die Muße. Der Betrieb erscheint als ihre Unterbrechung.

Seneca machte daraus in De brevitate vitae eine ganze Anklage gegen die Geschäftigkeit. Sein Vorwurf an seine Zeitgenossen: Sie bewachen ihr Geld und verschwenden ihre Zeit.

Wir haben nicht zu wenig Zeit, schreibt er sinngemäß. Wir verlieren nur zu viel davon.

Wir haben diese Reihenfolge inzwischen ziemlich gründlich gedreht. Arbeit ist der Normalzustand. Muße die Ausnahme, für die man sich fast entschuldigen muss: ein Buch am Nachmittag, ein Nickerchen im Liegestuhl, zwanzig Minuten ohne Nutzen.

Ein ziemlich unverschämter Gedanke

1948, Deutschland räumt buchstäblich seine Trümmer weg, veröffentlicht der Philosoph Josef Pieper Muße und Kult. Ausgerechnet jetzt behauptet er: Kultur entsteht nicht aus permanenter Betriebsamkeit. Sie braucht Zeiten, die keinen unmittelbaren Zweck erfüllen.

Ein ziemlich unverschämter Gedanke für ein Land im Wiederaufbau.

Und, ehrlich gesagt, auch für 2026.

Bücher auf Rezept

Dass Lesen mehr sein kann als Zeitvertreib, nimmt man inzwischen auch ganz praktisch. In England gibt es mit Reading Well ein Programm, das ausgewählte Bücher über Bibliotheken zugänglich macht und von Gesundheitsfachleuten unterstützt wird.

Die Idee ist schlicht: Manchmal hilft ein Buch nicht, weil es ein Problem löst. Sondern weil es einen Gedanken sortiert, Sprache gibt oder für eine Weile aus dem eigenen Kopf herausführt.

Möglicherweise warst du beim Einschlafen über deinem Buch also einfach müde. Und eventuell hat das Buch geholfen.

Beides ist kein Grund, sich zu schämen.

eigene Collage aus Sonnenschirm (privat) und Büchern (Patrick Tomassso (unsplash))

Im Urlaub dann

Ich höre erstaunlich oft denselben Satz:

Ich würde eigentlich gern wieder mehr lesen.

Eigentlich. Dieses Wort ist verdächtig.

Eigentlich lese ich gern. Eigentlich müsste ich wieder anfangen. Im Urlaub dann.

Als bräuchte Lesen erst eine Abwesenheitsnotiz.

Im Sommer wird dann der Koffer gepackt und mit ihm die Hoffnung, in zwei Wochen wieder die Person zu werden, die Bücher liest. Drei Romane kommen mit. Vielleicht vier. Einer für den Strand, einer für den Zug, einer, falls man plötzlich sehr anspruchsvoll wird.

Und dann sitzt man da, irgendwo zwischen Sonnencreme und Aperol, liest zwölf Seiten und: schläft ein.

Das Problem ist gar nicht so sehr, dass wir das Lesen verlernt haben (anderes Thema, bei einer anderen #sonntagslese vielleicht mal…). 

Nein, es ist ein Problem, dass wir verinnerlicht haben, dass Lesen erst stattfinden darf, wenn alles andere erledigt ist.

Urlaub wird dann zur offiziellen Ausnahmegenehmigung für Muße.

Auch genau deshalb mag ich den Sommer. Es ist (wenn man ehrlich ist) nicht unbedingt so, dass da plötzlich so viel mehr Zeit ist. Man erlaubt sich aber leichter, sie zu verschwenden.

Drei Dinge, die du beim Lesen nicht mehr musst

Du musst nicht mit dem dicken Buch anfangen.
Ein schmaler Roman ist kein minderwertiger Roman.

Du darfst abbrechen.
Lesen ist keine Charakterprüfung.

Du darfst nach zehn Seiten einschlafen.
Morgen ist das Buch noch da.

7 Bücher, 7 Launen (privat)

Sieben Bücher für sieben Leselaunen

Es braucht gar keinen neuen Leseplan. Nur das richtige Buch zur richtigen Stimmung.

Diese sieben Bücher würde ich den Sommer verteilen:

Für alle, die im Urlaub wirklich weg wollen (und zwar auch zeitlich):

Wer eine Pause vom weichgespülten Urlaubs-Kitsch sucht, findet hier eine meisterhafte, koloniale Tragödie. Ein Buch, das einen völlig einsaugt und uns daran erinnert, was Literatur kann, wenn sie sich Zeit lässt.

Für alle, deren Urlaub auf Instagram besser aussieht, als er sich anfühlt:

Ein Roman über ein Paar, das sich das vermeintlich makellose, ästhetische Traumleben aufgebaut hat und vor der Frage steht: Warum fühlt sich das eigentlich so leer an? Eine messerscharfe, aber sehr feinfühlige Sezierung unserer Sehnsucht nach Echtheit.

Für alle, die eine literarische Wucht suchen, aber gerade keine Kraft für 500 Seiten haben.

Eine junge Frau verlässt die Stadt, um in einem alten Bauernhaus ohne Komfort ein archaisches, radikal selbstbestimmtes Leben zu führen. Ein Buch wie ein Befreiungsschlag gegen den Optimierungszwang der Moderne – rau, kompromisslos und extrem intensiv.

Für alle, die Meer wollen, aber keinen Strandroman

Eine surreale, sprachgewaltige Weltumsegelung auf einem Containerschiff. Das Buch hat keinen klassischen Plot, sondern fließt und schaukelt wie eine Traumreise. Perfekt für diesen Zustand zwischen Wachsein und Wegdösen.

Für alle, die einen Nachmittag lang nicht ansprechbar sein wollen

Wenn die Konzentration nach der Arbeitswoche im Keller ist, hilft oft kein dicker Klassiker, sondern ein literarischer Volltreffer. Mathieu schreibt so präzise und packend über das Leben, dass das Handy ganz von allein in der Tasche bleibt.

Für alle, die im Sommer wieder sechzehn sein wollen

Ein moderner Klassiker, der die Hitze, den Staub und die Einsamkeit einer neapolitanischen Insel so einfängt, dass man beim Lesen das Salz auf der Haut spürt. Keine leichte Kost, aber ein Buch, das bleibt.

Für alle, die etwas lesen wollen, das nicht schon auf jedem Stapel liegt

Ein wiederentdecktes Juwel eines lettischen Exil-Autors, der mit einem herrlich scharfen, ironischen Blick auf die deutsche Nachkriegs-Provinz schaut. Wer etwas lesen will, das garantiert niemand sonst am Strand dabeihat, liegt hier goldrichtig.

Zurück auf Seite 40

Gestern bin ich wieder eingeschlafen. Diesmal ein paar Seiten später. Das Buch lag irgendwann neben dem Stuhl, leicht verknickt, und ich wusste beim Aufwachen wieder nicht mehr genau, wer gerade gesprochen hatte.

Früher hätte ich gedacht: schon wieder nichts geschafft.

Heute denke ich: Proust hätte vermutlich Verständnis gehabt.

Seneca sowieso.

Nur mein Buch wartet noch darauf, dass ich endlich weiterlese…

Quellen & Weiterführendes

  • Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 1: Unterwegs zu Swann. (Zitierter Eröffnungssatz).

  • Salvador Dalí: 50 Secrets of Magic Craftsmanship (1948). In diesem kunsttheoretischen Werk beschreibt Dalí seine Methode des „Schlummerns mit einem Schlüssel“ (slumber with a key) detailliert im Kapitel über die Traumsteuerung. (Hintergründe dazu auch bei Psychology Today).

  • Thomas Edison & die Hirnforschung: Smithsonian Magazine / Scientific American – Dokumentation von Edisons historischer Power-Nap-Technik mit Metallkugeln und der Überprüfung dieses Effekts durch die moderne Schlafforschung.

  • Science Advances (Fachstudie): Sleep onset is a creative sweet spot (Studie von Lacaux, Oudiette et al., Dez. 2021). Die neurowissenschaftliche Untersuchung der N1-Schlafphase, die explizit auf den Methoden von Edison und Dalí aufbaut und diese im Labor bestätigt.

  • Josef Pieper Arbeitsstelle: Entstehung und Datierung von Muße und Kult (fertiggestellt 1947, erschienen 1948).

  • Herder / Communio: Josef Pieper und die Wiederentdeckung der intuitiven Erkenntnis (Essay über Muße, Kult und Kontemplation).

  • The Reading Agency: Reading Well: Books on Prescription (Offizielle Programmseite des staatlich geförderten Gesundheitsprogramms in Großbritannien).

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