Ich bin auf Seite 40 eingeschlafen. Wieder.
Diesmal auf dem Balkon. Ein Buch in der Hand, drei, vier Seiten geschafft und zack: dann war ich weg. Als ich aufwachte, lag das Buch auf dem Boden, die Seite war verknackt und ich wusste nicht mehr, wer gerade gesprochen hatte.
Jahrelang habe ich mich dafür fast entschuldigt. Wieder nur ein Kapitel geschafft. Wieder eingenickt, kaum dass es interessant wurde.
Bis ich gemerkt habe: ich bin in ziemlich guter Gesellschaft.
Der längste Roman der Welt beginnt mit dem Einschlafen
“Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.” So fängt er an: Der wohl berühmteste Romanzyklus der Weltliteratur, gut 4.000 Seiten, sieben Bände: Marcel Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”.
Kein Paukenschlag, kein großes Ereignis. Ein Mann im Bett, irgendwo zwischen Wachsein und Traum, der nicht mehr genau weiß, ob er gerade das Buch ist, das er vorher gelesen hat, oder die Kirche, von der darin die Rede war, oder die Rivalität zweier Könige aus dem 16. Jahrhundert. Schon auf den ersten Seiten verschwimmen Lesen und Schlaf, Gegenwart und Erinnerung, Ich und Geschichte. Später werden daraus Combray, die berühmte Madeleine und das langsame Wiederauftauchen einer verlorenen Kindheit.
Proust hat das Einschlafen beim Lesen nicht aus seinem Meisterwerk herausgehalten. Er hat es zum Ausgangspunkt gemacht. Dieses Dazwischen, nicht ganz wach, nicht ganz weg. wird bei Proust zu einem Raum, in dem Erinnerung plötzlich wieder auftauchen kann.

