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Vor über zehn Jahren habe ich mir Persepolis von Marjane Satrapi gekauft. Es war um Weihnachten herum, und ich weiß noch, wie ich in einem Rutsch durch diesen Comic geflogen bin. Bis dahin hatte ich nie Comics gelesen. Nicht richtig jedenfalls. Nicht mit dem Gefühl: Das hier ist Literatur. Das hier ist Kunst. Das hier kann mich genauso treffen wie ein Roman.

Aber ich war hin und weg.

Große traurige Augen und kleine schwarze Striche, die mich in ein fernes Land zu fernen Zeiten brachten. Ich konnte das Buch nicht weglegen. Und ich konnte gleichzeitig nicht aufhören, mich zu fragen: 

Was ist das eigentlich?

Sind das Bilder?

Ist das Literatur?

Wann wird Illustration zur Erzählung?

Diese Fragen haben mich seitdem oft begleitet. Mit dem Tod von Marjane Satrapi am 4. Juni 2026 sind sie mit einem Mal wieder da.

Ich kannte Satrapi natürlich nicht persönlich. Trotzdem gibt es Künstler und Künstlerinnen, deren Tod sich anfühlt, als wäre etwas in mir weg. Das hat nichts mit persönlicher Nähe zu tun. Es liegt daran, dass sie in mir etwas geöffnet hat. 

Bei Satrapi war es für mich die Welt der Graphic Novel. Oder die Welt der Comics. Oder einfach der Kosmos der Literatur in Bildern. Ganz egal, wie man es nennen will. Nach Persepolis habe ich diese Bücher anders angesehen. Ich habe nicht mehr gefragt, ob genug Text darin steht. Ich habe nach der Erzählung gesucht.

Und manchmal erzählen wenige Striche mehr als viele Seiten.

Quelle: Alessandra Tarantino/​AP/​dpa

Eine kurze Geschichte des unterschätzten Bildes

Comics sind was für Kinder. Und sie sind trivial.

So überheblich dachte ich damals. Damit war ich sicher nicht allein. Im deutschsprachigen Raum hatte man sich mit dem sequentiellen Bild als ernstzunehmender Kunstform lange schwergetan. Obwohl die eigene Tradition älter ist, als man denkt.

Ein kurzer Umweg, weil ich solche Umwege einfach liebe: 

Schon der Schweizer Rodolphe Töpffer, Professor für Ästhetik und Rhetorik in Genf, nannte seine ab 1827 entstandenen Bildergeschichten „Literatur in Bildern“. Goethe soll begeistert gewesen sein. Und über Töpffer führt eine Linie zu Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter und Wilhelm Buschs Max und Moritz: Sequenz, Rhythmus, Überzeichnung. Aber eben auch: Moral, Bestrafung, Erziehung durch die Hintertür. Kinder, die nicht hören, werden verbrannt, verhungern, verstümmelt oder fallen in Mühlen.

So viel zur Harmlosigkeit der Bildergeschichte.

Später, im 20. Jahrhundert, unternahm der flämische Künstler Frans Masereel einen radikalen Schritt. Er schuf Bildromane aus Holzschnitten ganz ohne Text. Mon livre d’heures erzählt das Leben eines Mannes in 167 Bildern. Kein Wort. Nur Bild. Und plötzlich wird sichtbar, was ein Bild leisten kann, wenn es nicht mehr bloß illustriert, sondern trägt.

Hier liegt der entscheidende Unterschied: Im illustrierten Buch kann man die Bilder oft weglassen, ohne die Erzählung zu zerstören. Der Text trägt weiter. Im Comic, in der Graphic Novel, in der Literatur in Bildern ist das anders. Das Bild ist nicht Schmuck. Es ist Bedeutung. Es sagt etwas, was der Text nicht sagt. Und der Text sagt etwas, was das Bild nicht sagen kann.

Erst gemeinsam entsteht die Erzählung.

Der Begriff „Graphic Novel“ wurde später auch deshalb so wichtig, weil er Abstand schaffen sollte. Abstand zum Comic-Heft, zum Kiosk, zum vermeintlich Kindlichen. Will Eisner machte den Begriff 1978 mit A Contract with God prominent auch als Abgrenzungsgeste: Das hier ist kein Wegwerfheft, es ist ein Buch.

Für mich ist „Graphic Novel“ weniger eine präzise Gattung als eine Haltung. Es hat den Anspruch, mit den Mitteln des Comics literarisch, politisch, autobiografisch, formal frei zu erzählen.

Oder, weniger feierlich gesagt: Es sind alles Comics. Nur manche davon verlangen, dass wir endlich aufhören, sie zu unterschätzen.

Collage aus Busch, Hoffmann, Töpffer und Masereel

Der Ernstfall: Art Spiegelmans Maus

1992 gewann eine Graphic Novel den Pulitzer-Preis. Nicht in irgendeiner Sonder- oder Unterkategorie, sondern wirklich den wahren Pulitzer!

Das Werk heißt Maus. Der Autor war Art Spiegelman. Und er hatte etwas getan, das damals viele für unmöglich, oder für unzulässig, hielten. Er hatte den Holocaust gezeichnet. Juden als Mäuse. Nazis als Katzen. Eine Entscheidung, die bis heute verstört, wahrscheinlich aber gerade deshalb funktioniert.

Als Maus Ende der 1980er-Jahre auf Deutsch erschien, war die Irritation groß. Darf man den Holocaust als Comic erzählen? Ist das nicht zwangsläufig Verharmlosung? Gerade die Tiermasken wurden missverstanden: als Vereinfachung, als Geschmacklosigkeit, als Zumutung.

Dabei liegt genau darin die Kraft des Buches. Die Verfremdung schafft Distanz, aber keine Entlastung. Sie erlaubt Annäherung, ohne das Grauen auszumalen. Sie macht sichtbar, dass jede Darstellung der Shoah immer auch an ihre Grenzen kommt.

Es gibt gottlob viele Formen der Erinnerung an die Shoah. (Einen Einschub kann ich mir nicht verkneifen: Imre Kertész’ Roman eines Schicksallosen gehört zum Erschütterndsten und auch Bestem, was ich je gelesen habe.)

Aber Maus ist aus drei Gründen einzigartig.

Erstens: das Unsagbare sagen

Spiegelmans Vater Vladek spricht gebrochenes Englisch. Dieser Rhythmus inklusive Stolpern, Abbrechen und Weitermachen ist in Bildern besonders eindringlich. Ein Roman könnte das anders. Aber bei Spiegelman hat der Strich die Funktion die Sprache zu tragen.

Zweitens: die Metaebene als Ehrlichkeit

Maus ist auch eine Geschichte darüber, wie schwer es ist, dieses Buch zu schreiben. Spiegelman zeigt sich selbst beim Scheitern, beim Zweifeln, beim Streiten mit dem Vater. Es geht nicht nur um Erinnerung. Es geht auch um die Zumutung, Erinnerung zu erben.

Hier schöpft Spiegelman alle Möglichkeiten des Comics aus. Zeit wird nicht linear behandelt. Vergangenheit und Gegenwart können auf einer Seite nebeneinanderstehen. Auschwitz ist in Maus nie nur Vergangenheit. Es steht neben dem Gespräch mit dem Vater, neben dem Streit, neben dem Schuldgefühl, neben der Frage, ob man so überhaupt erzählen darf.

Drittens: die Verschiebung

Nach Maus ließ sich die Diskussion darüber, ob ein Comic Erinnerung, Trauma, Geschichte tragen kann, nicht mehr auf die alte (überhebliche) Weise führen. Das Medium hatte bewiesen, dass es nicht weniger kann als Literatur. Es ist Literatur.

Maus hat gezeigt, dass Comics alles erzählen dürfen.

Persepolis hat mir gezeigt, dass sie es auch mit einer fast unverschämten Klarheit tun können.

Quelle: privat

Wie man eine Revolution zeichnet

Sicherlich kannte Satrapi Maus. Sie ist eine andere Generation und sie haben unterschiedliche Arten des Zeugnissen. Ihr Ansatz ist deshalb ein ganz anderer. Spiegelman blickt auf eine Katastrophe zurück, die vor ihm in seiner Familie lag. Satrapi schreibt sich durch eine Katastrophe, die sie als Kind, als Frau, als Exilantin selbst erlebt hat.

Das ist der Punkt, an dem sich etwas verschiebt:

Bei Hoffmann und Busch ging es noch oft um Moral, Strafe und Belehrung. Bei Satrapi geht es um Zeugnis. Keine Moral von außen, jetzt steht die Erfahrung von innen im Fokus. Nicht: So sollst du leben. Sondern: So war es, in diesem Körper, in dieser Familie, in dieser Zeit.

Die Linien von Satrapi: Ihr Strich ist klar, fast naiv, fast kindlich. Spiegelmans Zeichnungen sind fragmentiert, expressionistisch, von Zweifeln durchzogen. Satrapis Schwarzweiß ist fast unverschämt eindeutig. Da schlägt einem (visuelle) Stille entgegen. Das macht die Gewalten darin umso schärfer.

Der Blick von Satrapi: Persepolis erzählt die Islamische Revolution aus der Perspektive eines Kindes. Hier wird nicht im Stil von „Politik erklärt“ erzählt. Satrapi zeigt Politik als etwas, das in Kinderzimmer, Familienessen, Schuluniformen, verbotene Musik, Scham und Trotz eindringt.

Der Humor von Satrapi: Hier werden keine Opfer skizziert und erzählt. Sie zeigt mit ihrem Humor Haltung und eine der effektivsten Überlebensstrategien. Sie war wütend, komisch, selbstironisch, unbestechlich. 

Die Zumutung von Satrapi: Das Buch zeichnet den Iran nicht exotisch. Es zeigt ihn und das Politische nah. Persepolis ist nicht nur politisch, weil es von Revolution, Repression und Exil erzählt. Es ist politisch, weil seine Form, also das Kindergesicht oder die klaren Linien Nähe herstellt. Keine historische Abhandlung hätte bei mir denselben Effekt gehabt. Wer Persepolis liest, kann danach nicht mehr so leicht sagen, er verstehe dieses Land nicht.

Satrapi war auch Filmemacherin. Die Animationsversion von Persepolis wurde 2007 für den Oscar als bester Animationsfilm nominiert und gewann in Cannes den Preis der Jury. Ich kenne den Film nicht. Mir reicht das Buch.

Quelle: privat

Sechs Empfehlungen zum Eintauchen

Dass ich Persepolis und Maus empfehle, dürfte wohl klar geworden sein…Hier sind sieben weitere Bücher. Das ist keine objektive Bestenliste, eher sechs Türen in ein Medium, das viel größer ist als seine alten Vorurteile.

Alison Bechdel: Fun Home (2006)

Eine Memoiren-Graphic-Novel über Bechdels Kindheit in Pennsylvania, ihren verschlossenen, queeren Vater und ihre eigene Selbstfindung als lesbische Frau. Fast jede Seite zitiert Proust, Joyce oder Camus. Keine Sorge, das ist keine Bildungsgeste, sondern eher weil Literatur hier das Vokabular für Dinge ist, die man direkt nicht sagen kann.

Ulli Lust nach Marcel Beyer: Flughunde (2013)

Marcel Beyers verstörender Roman über das Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt aus der Perspektive eines fanatischen Akustikers im NS-Dienst und einer der Töchter von Goebbels wird von Ulli Lust in eine Graphic Novel übertragen. Lust arbeitet mit gedämpften Farben, die Beyers sparsame Sprache verlängern.

Für alle, die Graphic Novels noch immer nicht als vollwertiges Literaturmedium ernst nehmen: Dieses Buch beendet diese Diskussion ziemlich zuverlässig.

Barbara Yelin: Irmina (2014)

Die ehrgeizige Irmina reist in den 1930er-Jahren nach London, verliebt sich in Howard aus der Karibik und kehrt zurück nach Berlin, wo sie sich dem Regime Schritt für Schritt, ohne je eine große Entscheidung zu treffen, anpasst. Yelin zeichnet in gedämpftem Grau mit einzelnen Farbakzenten und erzählt die Geschichte einer Mitläuferin ohne lautes Urteil. Gerade das macht sie so beunruhigend. 

Catel & Bocquet: Die Frau ist frei geboren: Olympe de Gouges (2012)

480 Seiten über 45 Jahre im Leben von Olympe de Gouges. Sie schrieb die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, kämpfte gegen die Sklaverei und wurde von Robespierre mittels Guillotine hingerichtet. Catel zeichnet in klarem Schwarzweiß, historisch präzise, aber nie trocken. Und weil es so wichtig ist, sei an ihre Worte hier einfach mal kurz erinnert:

“Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Manne gleich in allen Rechten. Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen. Gleichermaßen muss ihr das Recht zugestanden werden, eine Rednertribüne zu besteigen.” (aus Mensch und Bürgerin: Die Rechte der Frau, 1791)

Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt (2014, dt. 2017)

Die schwedische Politikwissenschaftlerin und Zeichnerin arbeitet sich durch die Kulturgeschichte der Vulva, von der Bibel über Freud bis zur Tamponwerbung, mit trockenem Witz und echter Wut. Das ist klug, böse, komisch und sehr gut lesbar.

Alan Moore & Eddie Campbell: From Hell (1989–1998)

Vorab: Das ist kein leichtes Buch. 572 Seiten über Jack the Ripper im viktorianischen London, aber eigentlich über Klassengesellschaft, Gewalt, Freimaurerei und die Frage, was Menschen zu Monstern macht. Moore recherchierte jahrelang, Campbell zeichnete in einem rauen, fast skizzenhaften Strich, der die historische Düsternis trägt.

Collage der “Sechs Empfehlungen”

Was ein Strich kann

Graphic Novels sind heute eine anerkannte Kunstform. Sie werden in der Literaturwissenschaft besprochen, in Buchhandlungen mit Tischen gewürdigt, für Preise nominiert, in Museen gezeigt, an Schulen gelesen.

Das ist gut. Und für mich ist es auch ein bisschen merkwürdig.

Denn das, was Persepolis mit mir gemacht hat, vor über zehn Jahren, hatte nichts mit Anerkennung zu tun. Es hatte damit zu tun, dass ein Buch mich überrumpelt hat. Dass ich etwas für trivial hielt und plötzlich weinte. Dass große traurige Augen und kleine schwarze Striche eine Welt aufgemacht haben, die ich ohne sie nie betreten hätte.

Bilder sind heute sehr günstig zu haben. Sie sind überall, sofort, in jeder Qualität, von jeder KI generierbar. Deshalb bedeutet mir das, was Satrapi hinterlässt, sehr viel. Es ist der Beweis, dass ein einzelner Strich, von einer einzelnen Hand, aus einer einzelnen Erfahrung heraus, etwas kann, was kein anderes Medium kann. 

Ihr Strich war unverwechselbar.

Quellen & Weiterführendes

  • Eisner, Will: A Contract with God

  • Kertész, Imre: Roman eines Schicksallosen

  • Satrapi, Marjane: Persepolis

  • Spiegelman, Art: Maus

  • Aus Politik und Zeitgeschichte: „Comics“, 64. Jahrgang, 33–34/2014, Bundeszentrale für politische Bildung

    • Andreas C. Knigge, „Eine kurze Kulturgeschichte des Comics“

    • Martin Frenzel, „Der Holocaust im Comic“

    • Stephan Packard, „Wie können Comics politisch sein?“

    • Thierry Groensteen, „Zwischen Literatur und Kunst: Erzählen im Comic“

 

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