Vor über zehn Jahren habe ich mir Persepolis von Marjane Satrapi gekauft. Es war um Weihnachten herum, und ich weiß noch, wie ich in einem Rutsch durch diesen Comic geflogen bin. Bis dahin hatte ich nie Comics gelesen. Nicht richtig jedenfalls. Nicht mit dem Gefühl: Das hier ist Literatur. Das hier ist Kunst. Das hier kann mich genauso treffen wie ein Roman.
Aber ich war hin und weg.
Große traurige Augen und kleine schwarze Striche, die mich in ein fernes Land zu fernen Zeiten brachten. Ich konnte das Buch nicht weglegen. Und ich konnte gleichzeitig nicht aufhören, mich zu fragen:
Was ist das eigentlich?
Sind das Bilder?
Ist das Literatur?
Wann wird Illustration zur Erzählung?
Diese Fragen haben mich seitdem oft begleitet. Mit dem Tod von Marjane Satrapi am 4. Juni 2026 sind sie mit einem Mal wieder da.
Ich kannte Satrapi natürlich nicht persönlich. Trotzdem gibt es Künstler und Künstlerinnen, deren Tod sich anfühlt, als wäre etwas in mir weg. Das hat nichts mit persönlicher Nähe zu tun. Es liegt daran, dass sie in mir etwas geöffnet hat.
Bei Satrapi war es für mich die Welt der Graphic Novel. Oder die Welt der Comics. Oder einfach der Kosmos der Literatur in Bildern. Ganz egal, wie man es nennen will. Nach Persepolis habe ich diese Bücher anders angesehen. Ich habe nicht mehr gefragt, ob genug Text darin steht. Ich habe nach der Erzählung gesucht.
Und manchmal erzählen wenige Striche mehr als viele Seiten.

Quelle: Alessandra Tarantino/AP/dpa
Eine kurze Geschichte des unterschätzten Bildes
Comics sind was für Kinder. Und sie sind trivial.
So überheblich dachte ich damals. Damit war ich sicher nicht allein. Im deutschsprachigen Raum hatte man sich mit dem sequentiellen Bild als ernstzunehmender Kunstform lange schwergetan. Obwohl die eigene Tradition älter ist, als man denkt.

