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Gestern war Feiertag: Tag der deutschen Einheit. Ich bin in Ost-Berlin geboren und in der Nähe von Heidelberg zur Schule gegangen. Für mich hat die deutsche Wiedervereinigung also schon aus ganz privaten Gründen eine besondere Bedeutung.

Zu diesem Tag gehören ziemlich verlässliche Bilder: die Mauer, Menschen auf dem Brandenburger Tor, Helmut Kohl, schwarz-rot-goldene Fahnen.

Was in diesen Rückblicken eher selten vorkommt, ist eine gut hundert Seiten lange Erzählung von Christa Wolf.

Dabei ist das eine Geschichte zur deutschen Einheit, die mir besonders gut gefällt: Deutschland hatte sich 1990 noch nicht einmal offiziell vereinigt, da stritt es schon erbittert. 

Und zwar über ein Buch!

Elf Jahre in der Schublade

Die Schriftstellerin Christa Wolf hat 1979 ein Buch geschrieben. Veröffentlicht hat sie es allerdings erst im Sommer 1990. Elf Jahre lag dieses Werk in der Schublade.

Was bleibt hat also zwei Jahreszahlen.

Das Buch ist entstanden, als Christa Wolf Kritik an der Ausbürgerung Wolf Biermanns übte und daraufhin sehr offen von der Stasi überwacht wurde. Es handelt von einem Tag aus dem Leben einer Schriftstellerin, deren Wohnung und Telefon offensichtlich observiert werden. Diese Schriftstellerin beobachtet die Autos vor dem Haus, sie zieht den Telefonstecker, findet keinen Schlaf mehr und verliert ihre Haare.

Was bleibt von einem Text nach elf Jahren Schublade?

Was bleibt von einem Land, nachdem es verschwunden ist?

Was bleibt von einem Streit nach 36 Jahren?

Wann gehört eine Geschichte eigentlich zu dem Zeitpunkt, an dem sie passiert und wann zu dem Zeitpunkt, an dem wir sie erzählen?

„Was bleibt“ ist ein Grund, warum Literatur auf mich so eine Faszination ausübt. Hundert Seiten bedrucktes Papier und plötzlich geht es um Macht, Erinnerung, Moral und ein ganzes Land.

Nicht schlecht für ein Buch, das vorher elf Jahre in einer Schublade lag.

Bild: A.R. Penck, Der Übergang (1963

Zu spät, zu bequem

Noch bevor das Buch im Handel erhältlich war, erschienen im Juni 1990 zwei vernichtende Rezensionen. Ulrich Greiner und Frank Schirrmacher, zwei Schwergewichte des westdeutschen Feuilletons, urteilten sinngemäß: zu spät, zu bequem. Vor allem der Zeitpunkt der Veröffentlichung störte sie. Warum kam dieser Text erst jetzt, als die Stasi ihre Macht verloren hatte?

Sie unterstellten Wolf, aus Angst um ihre Privilegien geschwiegen zu haben. Dass das Manuskript aus Angst um ihr vor Repressionen in der Schublade blieb, lassen sie nicht gelten.

In der DDR waren einige von Wolfs Büchern „Bückware“. Ein wunderbares Wort für Waren, die nicht offen im Regal lagen, sondern die erst unter der Theke hervorgeholt wurden – vorausgesetzt, man wusste, wen man fragen musste. 

Ihr Buch Nachdenken über Christa T. erschien 1968 in einer so kleinen Auflage, dass es schnell zur begehrten Ware unterm Ladentisch wurde.

1990 brauchte man keine Beziehungen mehr, um an Christa Wolf heranzukommen. Die Autorin bekam nun Shitstorm statt Schlangestehen. Tja, Einheit ist eben nicht Einigkeit.

1993 wurde die Sache komplizierter. Es wurde bekannt, dass Wolf von 1959 bis 1962 als IM „Margarete” geführt wurde. Sie ging an die Öffentlichkeit und legte ihre Akten, drei Berichte, alle auffallend wohlwollend über die beobachteten Personen, offen. Die Stasi beklagte sich intern über ihre „Zurückhaltung” und begann danach, sie selbst drei Jahrzehnte lang zu überwachen. Als Spitzelin war sie offenbar zu nett dafür.

Und Schirrmacher, der Ankläger von 1990, warnte 1993 plötzlich vor „vorschneller Verurteilung von Schriftstellern”.

Auch das gehört zu dieser Geschichte: Die Positionen bewegten sich.

Bild: ADN-ZB Grubitzsch 13.3.1989 Leipzig/ Messe Ddicht umlagert war die Schriftstellerin Christa Wolf, als sie am 12.3.89 nach einer Lesung in der Karl-Marx-Universität ihr soeben erschienenes Buch “Sommerstück” signierte. 

Wem gehört die Erzählung?

Die größere Frage dahinter ist bis heute erstaunlich vertraut: Wer darf eigentlich erzählen, was „der Osten“ war?

36 Jahre später ist der 3. Oktober Ausgangspunkt zahlreicher Diskussionen und Debatten darüber, was in Deutschland alles noch nicht zusammengewachsen ist: Vermögen, Wahlergebnisse, Repräsentation und vieles mehr. Alles wichtige Fragen, alle viel zu groß für diese sonntagslese.

Nur so viel: 2023 wurde aus genau dieser Frage wieder ein Bestseller. Dirk Oschmann nannte sein Buch Der Osten: eine westdeutsche Erfindung und löste damit prompt die nächste Debatte darüber aus, wer hier eigentlich wen beschreibt.

Offenbar streiten wir darüber ziemlich zuverlässig weiter.

Bild: Wolfgang Mattheuer, Hinter den sieben Bergen (1973)

Der falsche Maßstab

Wir verlangen ganz schön viel von dem Wort „Einheit“.

Wenn Familien zusammenziehen, Firmen fusionieren oder Freundeskreise sich mischen, entsteht Gemeinsamkeit nicht dadurch, dass plötzlich alle dieselbe Vergangenheit teilen. Sie beginnt manchmal erst da, wo man sich über etwas streiten kann.

Der Literaturstreit von 1990 war hässlich, polemisch, streckenweise unfair.

Aber er hatte eine Voraussetzung, die man leicht übersieht: Beide Seiten hielten plötzlich dieselbe Literatur für ihre eigene Angelegenheit.

Ein Buch als Ausgangspunkt der deutschen Einheit. 

Das gefällt mir.

Noch drei Empfehlungen

Wer nach „Was bleibt“ weiterlesen mag, hier drei DDR-Schriftstellerinnen, die keinen Jahrestag oder Jubiläum brauchen, sondern einfach gelesen werden sollten.

Christa Wolf: Der geteilte Himmel (1963)

Eine große Liebesgeschichte, die an der frischen Deutsch-Deutschen Grenze zerschellt. Wolf schrieb diesen Roman mit gerade einmal 34 Jahren. Wer spüren will, wie hellsichtig, zart und bildstark sie erzählen konnte, muss hier anfangen.

Maxie Wander: Guten Morgen, du Schöne (1977)

19 Frauen sprechen unzensiert über Arbeit, Liebe, Sex, Einsamkeit und kleine Fluchten im DDR-Alltag. Ein Buch wie ein Tonbandgerät auf dem Küchentisch: so ehrlich, intim und erfrischend unideologisch, dass die Staatszensur völlig überfordert war. Bis heute ein absoluter Rausch zu lesen.

Dreizehn Tage Sibirien in einer FDJ-Reisegruppe, festgehalten von einer Frau voller Wucht und kompromisslosem Lebenshunger. Ihr Hauptwerk Franziska Linkerhand blieb unvollendet, dieses Tagebuch ist der intensivste Express-Einstieg in den Sound einer der faszinierendsten Autorinnen des Ostens.