Ich habe Ingeborg Bachmann nicht verstanden.
Ich war Ende zwanzig, als ich Malina zum ersten Mal gelesen habe. Ich habe es nicht verstanden.
Das ist keine Koketterie. Ich kam an das Ende dieses Buches und die berühmten Worte: »Es war Mord.« und wusste nicht, wer hier eigentlich wie gestorben war. Keine Leiche, kein Täter, der den Raum verlässt. Die Erzählerin verschwindet in der Ritze einer Wand. Sie ist einfach weg.
Ich saß da, konnte nicht sagen, was ich gerade gelesen hatte. Trotzdem konnte ich das Buch tagelang nicht weglegen.
Es hat lange gedauert, bis ich begriff: Das war kein Versagen meinerseits. Malina will nicht aufgelöst werden wie ein Rätsel. Es will ausgehalten werden. Das Nicht-Verstehen ist die Erfahrung.
Warum jetzt?
Ingeborg Bachmann wäre am 25. Juni hundert geworden. Geboren 1926 in Klagenfurt, gestorben 1973 in Rom, mit nur 47 Jahren, nach einem Brand in ihrer Wohnung.
Ein kurzes Leben, ein schmales Werk und trotzdem, oder gerade deshalb, beugt sich der ganze Literaturbetrieb in diesem Sommer wieder über diese Frau. Vier Biografien fast gleichzeitig. Ein Kinofilm mit Sandra Hüller. Feuilletons ohne Ende.
Der Grund liegt zum Teil in Salzburg: Seit 2017 erscheint dort, Band für Band, die erste vollständige Werk- und Briefausgabe — angelegt auf rund dreißig Bände, ediert aus dem Nachlass. Jeder neue Band fördert Unveröffentlichtes zutage. Und jeder neue Band gibt dem Betrieb neuen Stoff, sich an ihr abzuarbeiten.
Mich interessiert nicht, wer von ihnen recht hat. Mich interessiert, warum die Frage überhaupt so brennt.

Mein Bachmann-Schatz (Quelle: privat)
Die falsche Frage: Wer war sie?
»Wer war Ingeborg Bachmann?« so heißt eine der neuen Biografien, so titeln die Beilagen. Es ist die Frage, an der sich gerade alle abarbeiten. Und ich glaube, es ist die falsche.
