Neununddreißig Frauen und ein Mädchen leben in einem Käfig, tief unter der Erde. Sie wissen nicht, wer sie eingesperrt hat, wie lange sie schon dort sind, was draußen geschehen ist.
Davon lese ich gerade. Im Schatten, an einem der wärmsten Tage des Jahres.
Das passt nicht zusammen, denke ich zuerst. Der Sommer ist doch die Jahreszeit, in der wir uns am freiesten fühlen: kein richtiger Takt, ewig lange Abendstunden, der Kalender hat Löcher. Und ausgerechnet dann lese ich über verlorene Freiheit.
Da drängt sich mir die Frage auf, was diese Freiheit wert ist, die sich im Juli so selbstverständlich anfühlt.
Am Sonntag hätte Aldous Huxley Geburtstag. Vermutlich wird dann wieder aufgezählt, was er in Schöne neue Welt alles vorausgesehen hat: künstliche Fortpflanzung, Pillen gegen jedes Unbehagen, Unterhaltung ohne Pause. Das ist reizvoll. Und auch ein bisschen vorhersehbar.
Dystopien sind für mich aber keine Trefferlisten für Propheten. Ihre interessanteste Frage lautet nicht: „Was davon ist wahr geworden?“ , sondern: „Warum würden Menschen in einer solchen Welt eigentlich mitmachen?“
Die stärksten Dystopien zeigen keine Monster, die eines Morgens die Macht übernehmen. Sie zeigen Gesellschaften, in denen Menschen Schritt für Schritt etwas preisgeben oder verlieren. Entweder aus Bequemlichkeit, aus Angst, oder weil sie vergessen haben, dass es einmal anders war.
Drei Bücher erzählen das auf drei Arten
Huxley: Freiheit verschwindet durch Bequemlichkeit
Bei Huxley herrscht die Macht nicht durch Gewalt. Niemand wird geschlagen, niemand verschleppt. Die Menschen werden konditioniert, sie konsumieren, sie nehmen Soma, eine kleine Droge gegen jedes Unbehagen, und sollen sich nie lange mit Schmerz, Einsamkeit oder einer schwierigen Frage aufhalten.
Das Unheimliche ist nicht, dass alle unglücklich sind. Es ist unheimlich, dass fast niemand unglücklich genug ist, um etwas ändern zu wollen.
Kein Widerstand. Es gibt nämlich nichts, wogegen man sich wehren möchte. Man hat ja alles. Warm, bequem, nett.
Das Handy zum neuen Soma zu erklären, wäre zu einfach. Schwieriger ist Huxleys Frage: Wie viel Freiheit geben wir nicht unter Druck auf, sondern freiwillig? Weil Nachdenken anstrengt, Widerspruch unbequem ist und Ablenkung nur einen Griff entfernt?
Orwell dachte Macht als Zwang: beobachten, bestrafen, Wahrheit fälschen. Huxley dachte sie als Verführung: Niemand muss gezwungen werden, wenn seine Wünsche längst für ihn eingerichtet wurden.
Doch Bequemlichkeit ist nur eine Art, Freiheit abzubauen. Eine andere beginnt mit dem Versprechen, dass endlich wieder Ordnung herrscht.

Bild: Mahdi Naserinejad (unsplash)
Atwood: Freiheit verschwindet im Namen der Ordnung
Margaret Atwood erfindet keine glänzende Zukunft. Ihr Gilead in Der Report der Magd bastelt aus alten Teilen eine neue alte Welt: religiöse Rechtfertigung, staatlich kontrollierte Fortpflanzung, entrechtete Frauen, ritualisierte Gewalt.
Atwood hat immer betont, sie habe keine einzige Form der Unterdrückung erfunden, für die es nicht schon ein historisches Vorbild gab. Der Roman sei keine Vorhersage, sondern eine “Anti”-Vorhersage: Eine Zukunft, die man beschreibt, kann man vielleicht gerade deshalb noch verhindern.
Der Unterschied zu Huxley ist scharf. Huxleys Welt sagt den Menschen, sie müssten auf nichts verzichten. Atwoods Welt sagt ihnen, Verzicht sei notwendig, damit endlich wieder Ordnung herrsche.
