Nächste Woche ist mein Hochzeitstag. Was liegt da näher als eine sonntagslese über die Liebe. Zuerst dachte ich: oh, wie wunderbar. Dann kann ich Euch zu Beginn der kuschligen Herbstzeit einfach meine unvergesslichsten Liebesromane empfehlen. Beim Zusammenstellen ist mir jedoch aufgefallen, dass am Schluss fast immer mindestens einer tot oder zumindest todunglücklich ist.
Warum liebe ich diese Romane trotzdem so sehr? Auch wenn weit und breit kein Happy End zu sehen ist und man im echten Leben doch eigentlich genau darauf hinarbeitet.
Hat die Literatur keine Lust auf glückliche Liebe?
Würden Sie mit mir sterben wollen?
Heinrich von Kleist hat diese Frage tatsächlich gestellt. Und auch jemanden gefunden, der sie bejahte. Henriette Vogel selbst war unheilbar krank, er, verschuldet, erfolglos und verzweifelt. Sein letzter Brief enthielt den Satz: „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“. Erst erschießt er sie und dann sich selbst.
Das ist nicht nur eine Biografie, das ist sein gelebtes Werk.
Und der Rest?
Romeo und Julia: tot. Werther: tot. Tristan und Isolde: tot. Anna Karenina: tot.
Dabei hat Tolstoi in Anna Karenina beides vereint. Ihr, Anna, gegenüber stehen Ljewin und Kitty, die heiraten und dann einfach zusammenbleiben. Gähn! Gerne wird das bei Tolstoi übersehen, dabei sagt er es selbst in seinem ersten und wohl berühmtesten Satz:
„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich,
jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise“
Glück gibt es also nicht in Varianten. Das Unglück hingegen schon. Und Varianten sind genau der Stoff, aus dem man Romane bauen kann.

Bild: Frederic William Burton: Hellelil and Hildebrand, The Meeting on the Turret Stairs (1864)
Das Schwert im Wald
In seinem Essay „Die Liebe und das Abendland“ hat der Schweizer Schriftsteller Denis de Rougemont dargelegt, dass die Idee der leidenschaftlichen Liebe nicht das Ziel einer glücklichen Ehe oder eines gemeinsamen Lebens hat, sondern es stets Hindernisse und ein “Dazwischen” braucht.
Er erläutert dies anhand der Geschichte von Tristan und Isolde als Muster einer Liebe, die eben solche Hindernisse braucht. Besonders beschäftigt ihn die Schwert-Szene: Tristan legt im Wald ein blankes Schwert zwischen sich und Isolde. Für Rougemont steht dieses Schwert für mehr als für ein Zeichen der Keuschheit. Es ist ein selbst geschaffenes Hindernis. Denn obwohl die Liebenden eigentlich zusammen sein könnten, halten sie selbst etwas zwischen sich.
Wenn ein Hindernis fehlt, dann schafft man eben selbst eines.
HEA und HFN
Die 1980 gegründeten Romance Writers of America definieren das Genre der “Romance” heute jedoch so: „a central love story and an emotionally satisfying and optimistic ending“.
In der Branche bezeichnet man das als HEA (Happily Ever After) oder als HFN (Happy for Now). Romance als Literaturgattung ist mittlerweile sogar ein Wachstumstreiber auf dem deutschen Buchmarkt.
Ein Bedürfnis nach Happy End ist also da.
Hauptsache Vorhang
Hier zeigt sich: Hochzeit und Tod erfüllen dieselbe Funktion.
Die Tragödie endet, wenn mindestens einer tot ist. Die Romance endet, wenn versöhnt oder geheiratet wird.
Beides steht nebeneinander, weil es das Maximum dessen ist, was es zu erreichen gilt. Das Danach hat keinen Platz mehr. Nach Hochzeit oder Tod darf die Geschichte endlich aufhören.
Ob Kuss vorm Altar oder Leichen im Wald, das Signal an die Zuschauer ist gleich: der Vorhang darf fallen. Niemand muss noch erklären, was weiter geschieht.
Das ist der Grund, warum ich diese Form der Romane so liebe: nicht der Tragik wegen, sondern weil sie im Höchsten und Absoluten enden.
Und das ist ja genau das, was das Leben mir nicht anbietet.

Bild: privat
Die Liebe kommt selten allein
In Kleists Stücken steht die Liebe nicht allein für sich. Immer ist etwas dabei: Eifersucht, Besitz, Hingabe, Misstrauen.
Genauso geht es mir mit meinen geplanten Empfehlungen, die ich jetzt doch noch loswerden möchte. Es sind nämlich irgendwie gar keine Liebesgeschichten. Es sind eher Romane über das, was Liebe mit sich bringen kann. Hier meine Top 5 der „Liebesbücher”:
Der Besitz
Begehren, Wahn, Besitzanspruch – all das bietet diese Geschichte. Die Raserei, in die die Amazonenkönigin verfällt, kennt keine Grenzen. Liebe und Einverleibung werden eins. Einer der unheimlichsten Sätze der deutschen Literatur ist die Erklärung: „Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das Eine für das Andre greifen.“
Die Ehe
Ein leiser, beklemmender, aber tief beeindruckender Roman, darüber, wie auch in einer Liebesgemeinschaft jemand still in seiner Identität verschwinden kann. Haushofer ist ohnehin uneingeschränkt zu empfehlen.
Die Zerstörung
Amour fou par excellence, wenn man so will. Dieser fast 900-Seiten-Brocken handelt vom Wandel der Liebe. Eine absolute Liebe auf Dauer zu bewahren, indem man sich der Welt entzieht und nur noch für sich lebt? Leidenschaft zerstört hier alles, sogar sich selbst. Großartig!
Die Geschichte
Wie kann man in einer Welt voller Hass und Zerstörung lieben? Im Warschau der 1930er-Jahre hält der jüdische Schriftsteller Aaron starrsinnig an einer Liebe fest. Oder ist es Zuflucht und der Versuch, die Zeit anzuhalten? Das ist gleichzeitig ein Epochen- und Liebesroman.
Der Verlust
Mein Herzensbuch, denn es erzählt vom grausamen Danach. Im Grunde ist es eine Autopsie der Trauer. Connie Palmen ist das Schrecklichste passiert, was in der Liebe geschehen kann: der plötzliche Tod des Lieblingsmenschen. Kein Kitsch, nur bedingungsloses Überleben.
Was fällt bei dieser Auflistung sofort auf? Ja, genau, ich habe keines in der Liste dabei, in dem nicht irgendwann jemand stirbt oder gestorben ist. Wenn Ihr eins habt, antwortet mir! Ich bin ernsthaft neugierig.
Rougemont hat recht: eine glückliche Liebe hat keine Geschichte; was im Leben großartig ist, dramaturgisch aber ein Problem. Es gibt einfach kein Hindernis, an dem man irgendwas erzählen könnte.
Als Roman taugt meine nächste Woche jedenfalls nicht. Sie wird hoffentlich ziemlich ereignislos verlaufen: Kein Gift, kein Schwert, kein Zug. Eigentlich die schönste Auszeichnung.
Darauf werde ich anstoßen.

Bild: privat
