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Erinnert sich noch jemand an den Bertelsmann Buchclub?

Meine Mutter war in den 1990ern Mitglied. Regelmäßig flatterte ein, oder besser: DAS neue Buch ins Haus. Stets aktuell, dachte ich damals. Und viele andere lasen es auch.

Der zweite Teil stimmt. Zum Höchststand hatte der Club rund sechs Millionen Miglieder. Der erste Teil ist ein Irrtum. Und zwar ein sehr interessanter. Clubausgaben erschienen Monate nach dem Original. In einem neuen Einband, mit „Bertelsmann-Branding”. Was bei uns also im Flur lag, war das Buch vom Frühjahr im Herbstmantel. Und es lag dort nicht, weil meine Mutter es ausgesucht hatte, sondern weil sie sich verpflichtet hatte: mindestens ein Jahr Mitgliedschaft, mindestens ein Produkt pro Quartal. 

So wird aus Geschmack ein Liefervertrag.

Warum wir lesen, was alle lesen

In den USA erscheinen jährlich über vier Millionen Bücher. 642.242 davon bei klassischen Verlagen. Geredet wurde auffallend über dieselben wenigen Titel. Veronique Hyland nennt das in der ELLE eine Monokultur des Lesens. Hatte uns #booktok nicht versprochen auch die kleinen, schrägen Bücher sichtbar zu machen?

Eine Erklärung dort nimmt statt der Branche mich in die Schusslinie. Der Kritiker Lincoln Michel sagt: „Du willst lesen, was Deine Freunde lesen. Selbst, wenn Du es hasst.” Ich lese es also, weil ich dann mitreden kann. 

Das ist aber keine Erfindung von TikTok. Ja, Lesen ist individuell, aber wir lesen nicht allein. Und zwar seit 250 Jahren nicht.

Hanna Pauli: Vänner (Freunde), 1907

Geteiltes Abo, fünf Räume 

In den 1740er Jahren fangen Menschen an, sich Zeitschriftenabos zu teilen, weil ein Heft für einen Haushalt zu teuer ist. Die Mappe wandert in festgelegter Reihenfolge von Haus zu Haus. Wer sich an das Format „Lesezirkel” im Wartezimmer erinnert, kennt das Prinzip.

Daraus wurden Lesegesellschaften, zwischen 1780 und 1848 schätzungsweise bis zu 600 Vereine mit rund 50.000 Mitgliedern. Eine gut strukturierte Gesellschaft hatte Bibliothek, Leseräume mit Öffnungszeiten, Konversationsraum, einen Saal für Geselligkeit und ein Spielzimmer. Fünf Räume und das gemeinsame Gespräch hatte mindestens so viel Platz wie das stille Lesen. 

Und damit sind wir beim eigentlichen Punkt: Lesen kann man auch zu Hause. Was diese Vereine vergeben, war etwas anderes: einen Platz in dem Raum, in dem widersprochen wird.

Zwei von 192

Die Karlsruher Museumsgesellschaft wurde im Dezember 1784 gegründet. Aufgenommen wurde laut Statuten, wer ein Studium abgeschlossen hatte oder sonst über Rang und Ansehen verfügte. Dazu ein Gulden Aufnahmegebühr und 30 Kreuzer monatlich, was die normale Stadtbevölkerung von ganz alleine draußen hielt.

Frauen waren vom Studium ausgeschlossen. Ein akademischer Abschluss als Aufnahmekriterium war eine ziemlich wirksame Schranke.

1791 hatte die Gesellschaft 192 Mitglieder. Zwei davon waren Frauen.

Es gab Gegenentwürfe. 1789/90 entstand in Gießen die Idee einer eigenen Frauenlesegesellschaft. Frauen sollten dort über ihre Lektüre und ihre Zusammenkünfte selbst bestimmen können. Die Pläne standen im Umfeld der radikalaufklärerischen Deutschen Union. Die Literaturwissenschaft spricht von „literarischer Konspiration“. Ob daraus je eine Gesellschaft wurde, ist nicht überliefert.

Anders in Karlsruhe. Dort gründeten 1816 immerhin 27 Bürger eine zweite Lesegesellschaft, in der Frauen ausdrücklich zugelassen waren. Statt steifer Etikette versprach man sich ungezwungene Unterhaltung.

Diese Gesellschaft löste sich im Laufe des 19.Jahrhunderts auf. Die exklusivere Museumsgesellschaft bestand bis 1940.

1929 beschreibt Virginia Woolf dieselbe Schranke. Im August habe ich sie hier wegen der 500 Pfund zitiert, diesmal geht es um die Schranke. Ihre Erzählerin will in einer Universitätsbibliothek das Manuskript von Milton „Lycidas” einsehen. Sie geht und sagt sich das Gedicht aus dem Kopf auf. Dann wird sie abgewiesen. Damen nur mit Empfehlungsschreiben oder in Begleitung eines Fellows.

Ihr fehlte nicht der Text. Ihr fehlte der Raum. Manchmal ist ein eigenes Zimmer eben wichtiger als ein ganzes Bücherregal.

Vladimir Makovsky: A reading group, 1866

Gemeinsam allein

Heute braucht es weder einen akademischen Abschluss noch einen Gulden Aufnahmegebühr, um einen Buchclub zu gründen. Nicht einmal ein gemeinsames Buch ist unbedingt erforderlich. 

Der Buchclub boomt wieder. Und zwar in den unterschiedlichsten Varianten. 
Der Silent Book Club zum Beispiel zählt nach eigenen Angaben inzwischen mehr als 2.200 Gruppen in 70 Ländern. 

Das Prinzip klingt fast absurd: Menschen verabreden sich, um gemeinsam zu lesen. Jede und jeder ein eigenes Buch! Keine Pflichtlektüre, keine vorbereiteten Fragen, nicht einmal ein Diskussionsangebot.

In der Duisburger Stadtbibliothek zum Beispiel gibt es solche Treffen inzwischen ebenfalls. Wer nach dem stillen Lesen jedoch reden möchte, kann das tun.

Früher teilte man sich die Kosten für Bücher und Zeitschriften. Lesegesellschaften ermöglichten Austausch, aber nicht allen den Zugang. Heute teilen Menschen sogar die Zeit, in der sie eigentlich allein sein könnten.

Offenbar reicht es manchmal schon, nicht allein allein zu sein.

KI-generiertes Bild mit Nano Banana

Ein Meeting mit Wein

Dass Buchclubs dazu beitragen, dass alle dieselben Bücher lesen wollen, ist natürlich die Ironie der ganzen Sache. Trotzdem halte ich den klassischen Lesekreis für eines der besten Gesprächsformate, die ich kenne. Und das hat mit Büchern nur am Rande zu tun.

Alle haben denselben Text gelesen und sagen trotzdem Verschiedenes.

In Meetings ist es oft umgekehrt: Jeder hat andere Informationen, und am Ende sagen alle dasselbe.

Ein guter Lesekreis verlangt keine gemeinsame Meinung. Im Gegenteil. Interessant wird es doch erst, wenn jemand eine Figur verteidigt, die alle anderen schrecklich finden. Oder einer Szene misstraut, die den Rest zu Tränen gerührt hat.Ein Lesekreis, in dem man sich immer einig ist, ist nur ein Meeting mit Wein.

Was bei mir zu Hause im Flur lag, war ein Buch, das Millionen andere ebenfalls kaufen konnten. Ob sie darüber gesprochen haben, weiß ich nicht. 

Heute treffen sich Menschen, um gemeinsam zu lesen. Manche diskutieren anschließend, andere schweigen einfach zusammen.

Hier liegt der Unterschied: Ein Buchclub verpflichtet uns nicht auf dieselbe Meinung. Er schafft einen Ort, an dem auch eine andere Platz hat.

Drei Fragen für deinen nächsten Buchclub

Statt der üblichen Frage, wie dir das Buch gefallen hat:

  • Welche Stelle hättest du gestrichen?

  • Welche Figur hast du völlig anders verstanden als die anderen am Tisch?

  • An welcher Stelle hast du dem Buch nicht geglaubt?

Hier noch eine kleine Empfehlung

Azar Nafisi, Lolita lesen in Teheran (2003): Nafisi wurde 1981 von der Universität Teheran ausgeschlossen, weil sie den vorgeschriebenen Schleier nicht tragen wollte. 1995 schied sie auch an der zweiten Universität aus und lud daraufhin eine Gruppe ihrer Studentinnen zu sich nach Hause. Zwei Jahre lang trafen sie sich donnerstagmorgens und lasen, was der Staat nicht vorgesehen hatte: Nabokov, Flaubert, Austen, James.

Ein Buchclub, weil es keinen anderen Raum gab.

Bist Du in einem Lesekreis? 
Und bei welchem Buch warst du zuletzt völlig anderer Meinung als die anderen?

Bis nächsten Sonntag!
Liebe Grüße
Sabrina