“…aber eigentlich bin ich ja Musiker.”
Ein Bekannter sagte das letzte Woche, nachdem er mir von seinem neuen Job erzählt hatte. Solide Sache, gutes Team. Und dann kam dieses eigentlich.
Ich kenne den Satz in vielen Varianten: Eigentlich Fotografin. Eigentlich Schriftsteller. Eigentlich etwas ganz anderes als das, was auf der Visitenkarte steht.
Gottfried Keller wäre heute 207 Jahre alt geworden. Und kaum ein Schriftsteller passt besser zu diesem verdächtigen „eigentlich“
Keller ist quasi der Schutzheilige aller Menschen, die »eigentlich« etwas anderes sind. Er war gescheiterter Maler, verschuldeter Träumer, dann fünfzehn Jahre lang Beamter. Und er hat über dieses Leben einen der großen Bildungsromane deutscher Sprache geschrieben. Zweimal und mit zwei verschiedenen Enden.
Genau darum geht es heute: um das Recht auf die zweite Fassung.
Der gescheiterte Maler
Kellers Lebenslauf wäre in jedem Bewerbungsverfahren durchgefallen. Mit fünfzehn flog er nach einem Schülerstreich ohne Abschluss von der Schule. Er beschloss, Landschaftsmaler zu werden, ging deshalb 1840 nach München, brach die Ausbildung ab und kehrte 1842 zurück nach Zürich: ohne Geld, ohne Beruf, ohne Plan. Seine verwitwete Mutter hatte jahrelang für seinen Traum bezahlt.
Aus diesem Scheitern machte Keller einen Roman. Der grüne Heinrich (1854/55) erzählt von Heinrich Lee, der grün heißt, weil seine Kinderkleider aus den Uniformen des toten Vaters geschneidert wurden. Heinrich will Maler werden, geht nach München, hat weder das Talent noch das Glück, macht Schulden, die seine Mutter begleicht, bis sie ihr Haus verpfänden muss. Als er endlich heimkehrt, kommt er zu spät: Er trifft genau zur Beerdigung seiner Mutter ein.
Und dann lässt Keller ihn sterben. An Schuld, an Gram, innerhalb weniger Tage. Der letzte Satz des Romans gehört einem Grab: “…und es ist auf seinem Grabe ein recht frisches und grünes Gras gewachsen.”
Keller selbst nannte das den zypressendunklen Schluss. Man kann es auch anders sagen: Er ließ seinen Helden an jener Schuld zugrunde gehen, die er aus dem eigenen Leben kannte. In einem Brief an seinen Verleger formulierte er die Moral des Buches so: Wer die Verhältnisse seiner Person nicht im Gleichgewicht halten könne, tauge auch nicht für eine wirksame Stellung im staatlichen Leben.
Man beachte: “im staatlichen Leben”. Das wird noch wichtig.

Bild: Keller, Imaginäre Landschaft mit Gewitterstimmung. Aquarell, wahrscheinlich 1842
Ein Bohemien wird Beamter
Dann passierte etwas, das in diesem Lebenslauf nicht vorgesehen schien, Keller am wenigsten. 1861 nahm Kellers Leben eine unerwartete Wendung: Der Kanton Zürich machte den ehemaligen Schulabbrecher und gescheiterten Maler zu seinem Ersten Staatsschreiber. Der Mann, der von Schulden, Stipendien und der Geduld seiner Mutter gelebt hatte, besaß plötzlich: ein Amt, ein Gehalt, eine Dienstwohnung
Er zog mit Mutter und Schwester ins Zürcher Steinhaus, unten die Amtsstube, oben die Wohnung. Und (das ist die Stelle, an der mich diese Geschichte wirklich packt) seine Mutter erlebte es noch. Anders als Heinrichs Mutter im Roman starb Elisabeth Keller nicht in Armut und Enttäuschung, sondern 1864, im Haushalt ihres versorgten, geachteten Sohnes. Das Leben hatte den Roman korrigiert.
Keller blieb fünfzehn Jahre im Amt. Er galt als gewissenhafter Beamter und veröffentlichte in diesen Jahren vergleichsweise wenig. Man könnte das als verlorene Jahre lesen: der Dichter, verschluckt vom Apparat.
Es kam anders.
Die zweite Fassung
1876 trat Keller zurück. Er war finanziell abgesichert, gesellschaftlich rehabilitiert und mittlerweile sechsundfünfzig Jahre alt. Dann begann die produktivste Phase seines Lebens: die Züricher Novellen, Das Sinngedicht, die Gesammelten Gedichte, Martin Salander.
Und mittendrin, 1879/80, das Erstaunlichste: Er schrieb den Grünen Heinrich noch einmal. Komplett. Mit seinem Roman war er nie glücklich gewesen; jetzt, fünfundzwanzig Jahre später, räumte er auf. Die zweite Fassung erzählt chronologisch, durchgehend in der Ich-Form und sie endet anders.
Heinrich stirbt nicht mehr. Er kommt rechtzeitig heim, kann seine Mutter noch auf dem Sterbebett begleiten. Er trägt weiter an seiner Schuld, denkt sogar daran, aus dem Leben zu gehen. Aber dann bekommt er, man muss das zweimal lesen, “ein geregeltes, aber anspruchsloses Amt” in der Verwaltung.
Der gescheiterte Künstler überlebt. Er überlebt als Beamter.
Keller hat seinem Helden exakt das Ende gegeben, das er selbst inzwischen gelebt hatte. Erst als er wusste, dass ein Amt kein Grab ist, konnte er das grüne Gras vom Grab seines Helden nehmen. Die erste Fassung schrieb einer, der das Scheitern für endgültig hielt. Die zweite schrieb einer, der erfahren hatte: Es gibt ein Leben nach dem Traum. Und es ist keine Kapitulation.
Übrigens: Der Mann, der als Maler pleiteging und dessen Romanheld an Schulden zugrunde geht, landete später auf der Schweizer Zehn-Franken-Note. Ich finde, diese Geschichte hat Humor.

Bild: 10-Franken-Banknote der Schweizerischen Nationalbank (von 1956-1980 im Umlauf)
Die heimliche Zunft
Keller ist kein Einzelfall. Es gibt eine ganze heimliche Zunft von Weltliteraten mit Brotberuf: Kafka arbeitete bei einer Unfallversicherung, Herman Melville als Zollinspektor im Hafen von New York und Charles Bukowski sortierte über ein Jahrzehnt lang Briefe bei der US-Post.
Das übliche Narrativ lautet, diese Menschen hätten trotz ihrer Brotberufe Großes geschaffen. Bei Keller stimmt dieses Wort nicht. Das Amt hielt ihn nicht nur vom Schreiben ab. Es gab ihm die Erfahrung, mit der er seinen Roman später verändern konnte. Ohne die fünfzehn Jahre Staatsschreiberei gäbe es die zweite Fassung nicht. Und damit nicht dieses Ende, das bis heute jedem etwas zu sagen hat, der sein »eigentlich« mit sich herumträgt.

Bild: Erste Fassung 1854/55; Zweite Fassung 1879/80
Ein Brotberuf ist kein Gegenleben
Wir leben in einer Arbeitskultur, die den großen Sprung liebt. Kündige. Gründe. Folge deiner Leidenschaft. Brenne für das, was du tust. Wer einen Job nur wegen Sicherheit und Gehalt macht, steht schnell unter dem Verdacht, sich etwas nicht zu trauen.
Keller erzählt eine weniger spektakuläre Gegengeschichte zur großen Berufungsrhetorik. Er sagt nicht: Gib deinen Traum auf. Er zeigt: Nicht alles, was uns ernährt, muss uns erfüllen. Und nicht alles, was uns erfüllt, muss uns ernähren.
Das Amt machte ihn nicht weniger zum Schriftsteller. Es gab ihm Sicherheit, Ansehen und später die Freiheit, wieder zu schreiben. Vor allem aber gab es ihm eine Erfahrung, die seinem Roman gefehlt hatte: dass ein geregeltes Leben nicht zwangsläufig das Ende eines künstlerischen ist.
Zürich hat 1861 einen Mann zum obersten Beamten gemacht, der nach heutigen Maßstäben kein einziges Auswahlkriterium erfüllt hätte. Es erwies sich als eine erstaunlich gute Personalentscheidung: für Zürich und für die Literatur.
Zum Abtauchen
Wenn du den einen Roman lesen willst: Gottfried Keller, Der grüne Heinrich (erste Fassung) Umfangreich, eigensinnig und erstaunlich gegenwärtig: ein Buch für einen ganzen Sommer.
Wenn du Keller an einem Abend kennenlernen willst: Kleider machen Leute (aus Die Leute von Seldwyla); der zeitlose Klassiker über den Hochstapler wider Willen. Eine herrlich leichte Erzählung über Schein, Sein und das Recht, sich neu zu erfinden.
Wenn du den Ur-Text der Büroliteratur willst: Herman Melville, Bartleby, der Schreiber (1853); der Urvater des ›Quiet Quitting‹. Die Geschichte eines Angestellten, der mit dem höflichen Satz »Ich möchte lieber nicht« ein ganzes System aushebelt. Verstörend gut
Wenn du den Schweizer Büro-Roman willst: Robert Walser, Der Gehülfe (1908); Joseph beobachtet den Untergang seines Chefs mit treuer Seele und feinem Humor. Ein leiser, melancholisch-schöner Geniestreich über das Überleben in absurden Jobs.
Wenn du die Poesie des Hilfsbuchhalters willst: Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares; das legendäre fragmentarische Tagebuch eines Büroangestellten, der eigentlich ein Weltdichter war.
Wenn du die Gegen-These zum Passion-Kult willst: Cal Newport, So Good They Can’t Ignore You; die kluge Abrechnung mit dem Mythos ›Folge deiner Leidenschaft‹. Newport zeigt, warum echte Zufriedenheit im Job erst entsteht, wenn wir richtig gut in etwas werden.

Quellen & Weiterführendes
- Historisches Lexikon der Schweiz: Keller, Gottfried (Lebensdaten, Staatsschreiber-Amt 1861–1876, Werkchronologie, 10-Franken-Note)
- gottfriedkeller.ch: Synopse der beiden Fassungen (historisch-kritische Ausgabe, Walter Morgenthaler)
- Video-Gespräch: Besser scheitern mit Gottfried Keller Sternstunde Philosophie mit Philipp Theisohn (SRF, 2019); der Literaturwissenschaftler über Kellers Figuren, die permanent an der Kluft zwischen Wunsch-Selbstbild und Realität arbeiten. Der Sendungstitel ist ja praktisch die These dieser Ausgabe.
- Podcast: Vom Vergnügen, Gottfried Keller zu lesen drei Kritiker diskutieren, wie viel Gegenwart im Grünen Heinrichund im Sinngedicht steckt.
- Audio-Essay: Zweimal grüner Heinrich (Deutschlandradio Kultur); warum Keller das »zypressendunkle« Ende umschrieb und was in der zweiten Fassung verschwand.
- Hörspiel-Lesung: Romeo und Julia auf dem Dorfe (SRF); Kellers berühmteste Novelle als mehrteilige Lesung.
