„Puh, also das sind für mich alles böhmische Dörfer.”
Keine Ahnung, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. Und wie oft ich ihn selbst gesagt habe, will ich lieber nicht wissen.
Zweimal musste ich in diesem Jahr über diesen Landstrich nachdenken. Einmal im Van, irgendwo in Tschechien bei einem kühlen České pivo. Und dann letzte Woche auf der Frankfurter Buchmesse: Ehrengast war Tschechien.
Kennen die Tschechen eigentlich unsere böhmischen Dörfer?
Das Unverständliche wohnt immer nebenan
Wenn Tschechen etwas überhaupt nicht verstehen, sagen sie: Je to pro mě španělská vesnice. Für mich ist das ein spanisches Dorf. Die Engländer wiederum sagen it´s all greek to me. Für mich klingt das alles griechisch. Und die Spanier? Esto me suena a Chino. Das klingt für mich chinesisch.
Offenbar liegt das Unverständliche immer irgendwo im Ausland.
Und jetzt stell Dir vor, jemand soll das übersetzen.
Wer unsere böhmischen Dörfer ins Tschechische bringt, muss die Dörfer nach Spanien umziehen lassen. Wer Wort für Wort übersetzt, schreibt etwas anderes als das, was gemeint ist.
Übersetzen heißt also nicht, Wörter zu tauschen. Es heißt, das Dorf zu verschieben.

Bild: Karte Böhmen Mikuláš Klaudyán
Der Soldat mit dem erfundenen Akzent
Jaroslav Hašeks Soldat Švejk ist eine der berühmtesten Figuren der tschechischen Literatur. Ein Mann, der seine Vorgesetzten in den Wahnsinn treibt, weil er harmlos wirkt, endlos erzählt und jeden Befehl wortwörtlich befolgt.
1926 erschien die erste Übersetzung von Grete Reiner.
Reiner stand vor einer Herausforderung: Švejk spricht im Original ein flüssiges, umgangssprachliches Tschechisch. Wie sollte das auf Deutsch klingen?
Sie entschied sich für eine Mischung aus Prager Deutsch und Wienerisch, das sogenannte Böhmakeln.
Und plötzlich hatte Švejk einen Akzent, den er im Original nicht besaß.
Kurt Tucholsky liebte den Roman, fand die Übersetzung aber „unmöglich“. Das hielt ihn aber nicht davon ab, die Fortsetzung voller Begeisterung zu besprechen.
2014 übersetzte Antonín Brousek den Roman noch einmal. Er verzichtete auf das Böhmakeln. Sogar der Titel änderte sich: Aus dem braven Soldaten Schwejk wurde der gute Soldat Švejk.
Fast neunzig Jahre lang kannten deutsche Leser also einen Soldaten, der ganz anders sprach als sein tschechisches Original. Und dachten beim Lesen nicht daran, dass das jemand so entschieden hatte.
Wie klingt ein Mensch richtig, wenn er plötzlich eine andere Sprache spricht?

Bild: privat
Wörter, die es vorher nicht gab
Radka Denemarková kennt solche Entscheidungen aus eigener Erfahrung. Die tschechische Schriftstellerin hat Herta Müller Atemschaukel ins Tschechische übersetzt.
Nun erfindet Müller regelmäßig Wörter, die es im Deutschen vorher nicht gab. Denemarková musste für diese Wörter Entsprechungen finden; in einer Sprache, in der sie ebenso wenig existierten.
Für diese Arbeit bekam sie 2011 den Literaturpreis Magnesia Litera in der Kategorie Übersetzung.
Der kleine tschechische Maulwurf hatte es da einfacher.
Nach dem ersten Film nahm sein Erfinder Zdeněk Miler ihm die Sprache. Stattdessen lachte, staunte und jammerte der Maulwurf mit Lauten, die Maler bei seinen eigenen Töchtern aufnahm. So verstanden ihn Kinder auf der ganzen Welt.
Ein ziemlich genialer Trick. Nur funktioniert er bei Romanen leider nicht. Ich kann mir die Atemschaukel nicht ohne Worte vorstellen.
Der zweite Name
Es ist auch diese eine Sache, die mir am Kjona Verlag besonders gut gefällt: Er macht die Menschen sichtbar, die Literatur für uns in eine andere Sprache bringen. Die Namen der Übersetzerinnen und Übersetzer stehen immer direkt auf dem Cover.
Vorne. Und nicht irgendwo im Impressum.
Abgesehen von der fantastischen Buchauswahl (Suzie Miller! Banu Mushatq! Molly Keane!) ist das einer der Gründe, warum ich diesen Verlag besonders mag.
Denk immer dran: das nächste übersetzte Buch, das Du aufschlägst, hat nicht nur den Menschen, der es geschrieben hat. Da ist auch jemand, der Satz für Satz entschieden hat, wie Du es auf Deutsch lesen kannst.
Ich werde jedenfalls künftig genauer auf diesen zweiten Namen achten.
Bis nächsten Sonntag!
Liebe Grüße
Sabrina
