Aktuell stehe ich mit meinem Van in der Normandie am Strand. Angenehme 20 Grad, leckeres Baguette zum Frühstück (klar) und mein Blick wandert über diese historischen Strände.
Ich bin am Omaha Beach, sehe die Denkmäler, die Bunkerreste, die Kreuze; erkenne das Alter der Verstorbenen auf den Grabsteinen.
Wie sollte ich hier anders als über deutsche Verantwortung und Schuld nachdenken? Über all das, was in den Jahrzehnten folgte? Oder über die deutsche Teilung, die mich auch ganz persönlich direkt betrifft?
Meine Gedanken ähneln den inhaltlichen Schwerpunkten der deutschsprachigen Literatur. Anders in der französischen Literatur: dort spielen nicht die Vergangenheiten, sondern die Strukturen die größte Rolle: Klasse, Milieu, sozialer Aufstieg.
Das Ich formt sich dort nicht aus der Geschichte, sondern aus der Gesellschaft.
Frankreich hat eine starke Tradition der literarischen Gesellschaftsdiagnose (Leitfrage: Woher komme ich sozial?). Deutschland eine starke Tradition der literarischen Erinnerungsarbeit (Leitfrage: Woher komme ich historisch?).
Dem will ich als Laie hier mal nachgehen: Warum und vor allem: wie erzählt das eine Land seine Gegenwart aus der Gesellschaft und nicht aus der Geschichte?
Bild: privat
Was der Aufstieg kostet
Es gibt einen Begriff für diese bestimmte Form des Schreibens: Autosoziobiografie. Das eigene Leben wird nicht erzählt, weil das eigene Leben so außergewöhnlich wäre, sondern weil sich daran gesellschaftliche Strukturen untersuchen lassen.
Das Ich als Fallbeispiel.
Es gibt das auch auf deutsch, großartig sogar: Christian Baron mit Ein Mann seiner Klasse oder Drei Schwestern sowie Daniela Dröscher mit Lügen über meine Mutter sind hier nennenswerte Beispiele. Es aber als so identitätsstiftned zu behandeln, das kenne ich so nur aus der französischen Literatur.
Viele Fragen werden behandelt:
Woher komme ich?
Kann ich meine Herkunft verlassen?
Was kostet sozialer Aufstieg?
Und gehört man danach überhaupt irgendwohin?
Didier Eribon behandelt dies fabelhaft in Rückkehr nach Reims. Wer aus einem Nichtakademikerhaushalt in einen Vorstandsflur gelaufen ist, kennt Eribon, ohne ihn gelesen zu haben: neue Codes, neue Sprache, das Gefühl, angekommen zu sein und trotzdem nicht dazuzugehören.
Oder das Werk von Nicolas Mathieu, der für mich in der Tradition des realistischen Romans von Balzac oder Zola steht. Die Gleichförmigkeit des Lebens, die Melancholie und aber auch die Hoffnung werden in seinen Romanen, die häufig in der französischen Provinz spielen, behandelt. All das immer unter der Brille der sozialen Ungleichheiten und folgend der Frage: welche Brüche und soziokulturellen Unterschiede lassen sich einfach nicht bewältigen?
Tipp: bitte lest ihn!
Großartig sind natürlich all seine Romane, aber wenn du nur einen Abend Zeit hast, dann Rose Royal! Und wenn Du Dir etwas mehr Zeit nehmen kannst, um in die beschriebenen Schwerpunkte einzutauchen, lies Wie später ihre Kinder

Bild: privat
Das Private ist politisch
Dieser Slogan gilt auch für die französische Literatur. Liebe, Sex, Ehe, Elternschaft, Krankheit, Alter – all diese scheinbar privaten Erfahrungen können größere gesellschaftliche Strukturen sichtbar machen. Französische Literatur zeigt eine private Szene und enthüllt dabei die Struktur dahinter.
Annie Ernaux, die Literaturnobelpreisträgerin 2022, ist dafür geradezu das Musterbeispiel. In Das Ereignis beschreibt sie ihre illegale Abtreibung 1963. Was vom Lesen bleibt, ist nicht der Eingriff, sondern die Beobachtung: Wer die richtigen Bekanntschaften und die richtige Sprache hatte, fand einen Arzt. Annie Ernaux hatte beides nicht. Das ist keine Anklage, das ist eine gesellschaftliche Bestandsaufnahme.
Auch Yasmina Reza kann das fantastisch: Ein Abendessen oder eine Familie genügt, und plötzlich liegt eine ganze Gesellschaft auf dem Tisch. In Der Gott des Gemetzels treffen sich zwei Elternpaare, weil der eine Junge dem anderen zwei Zähne ausgeschlagen hat. Sie wollen das erwachsen klären. Eine knappe Stunde später ist von der Zivilisiertheit nichts übrig, und es geht längst nicht mehr um die Kinder, sondern um Beruf, Bildung, Geld und darum, wer hier wem überlegen ist
Ich möchte in diesem Zusammenhang auch unbedingt Virginie Despentes erwähnen, die Erfahrungen wie Sexualität, Vergewaltigung, Prostitution, Pornografie oder weibliches Begehren nicht als individuelle „Frauenthemen“ behandelt, sondern fragt, welche Machtverhältnisse bestimmen, was Frauen mit ihren Körpern dürfen und wie darüber gesprochen wird; z.B. in King-Kong-Theorie.

Bild: Gustave Caillebotte, „Le Déjeuner" (1876)
Und die Geschichte?
Je mehr ich über die französische Literatur und ihre Unterschiede nachdenke, desto mehr bemerke ich, dass die Frage nicht lautet: Geschichte oder Gesellschaft. Die französische Literatur scheint besonders zu interessieren, wie Geschichte zu gesellschaftlicher Struktur wird.
Häufig geschieht dies in Form von Familienerzählungen und den Fragen:
Was wird weitergegeben, verschwiegen, erinnert?
Am deutlichsten führt das Mohamed Mbougar Sarr, der Prix-Goncourt Preisträger 2021, vor. Die geheimste Erinnerung der Menschen erzählt die Suche nach einem verschollenen senegalesischen Autor, der 1938 in Paris gefeiert und danach aus der Literaturgeschichte verschwunden ist. Das Buch macht also genau das zum Thema, was es selbst betreibt: die Frage, wer erinnert wird und wer nicht.

Bild: Caleb Minear (unsplash)
Durchlässige Grenzen
Eine weitere Sache, die mich schon jeher fasziniert hat an der französischen Literatur hat, ist, dass es nicht diese harten Grenzen zwischen den literarischen Formen zu geben scheint. Ob Literatur, soziologischer Essay, philosophischer Beitrag oder autobiographie – es ist so wunderbar durchlässig. Ein Beispiel ist dafür Emmanuel Carrère und Julies Leben. Ererzählt darin die reale Geschichte von Julie Baird, die von der Fotografin Darcy Padilla über 18 Jahre begleitet wurde. Der Verlag bezeichnet das Buch als dokumentarische Erzählung; es bewegt sich zwischen Literatur, Sozialreportage, Fotodokumentation und gesellschaftlicher Analyse.
Aber sicher braucht eine Literatur, die Individuum und Gesellschaft gleichzeitig untersuchen will, zwangsläufig diese Formen im „Dazwischen”.
Zurück zum Meer
Nachmittags laufe ich nochmal am Strand entlang. Die Denkmäler sind die gleichen wie am Morgen und ich denke immer noch zuerst in (Jahres-) Zahlen.
Aber ich versuche künftig auch, nicht mehr nur zu sehen, dass in mir die Geschcihte meiner Eltern und Großeltern ist. Es sind genauso Milieu, Bildung, Sprache, Beruf, Aufstiegsmöglichkeiten, Erwartungen – Dinge, die sich persönlich anfühlen und doch gesellschaftlich entstanden sind.
Die eine Frage habe ich in der Schule gelernt. Die andere musste ich mir selbst stellen, und ziemlich spät.
Aber die Reihenfolge, in der man die beiden Fragen stellt, verrät eben doch, wo man herkommt.
